Aber auch der Theaterdichter wurde von dem Herrn Rat nun mit ganz andern Augen angesehen, weil jener nie aus der begonnenen Bahn treten, weil er immer dieselbe Last tragen muß, wohingegen dieser, von Stufe zu Stufe immer höher steigend, seinen Ehrenkreis erweitern kann. Vorzüglich aus letzterer Ursache schloß er, daß sein Verbleiben in Mannheim ihm nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich sein müsse, weil es ihm nicht die geringste Verbesserung darbieten könne. Er leitete deshalb nicht nur mit seinen Leipziger Freunden, sondern auch mit Herrn Schwan das Nötige ein, um seinen bisherigen Aufenthalt im Anfange des Frühjahres zu verlassen. Gegen das Theater selbst war er um so gleichgültiger geworden, weil es keine seiner Erwartungen ganz erfüllt hatte; zum Teil aber auch, weil der größte Teil der Mitglieder ihn jetzt schmähte und erbost auf ihn war. Dieser fast allgemeine Haß war durch die Beurteilungen (in dem ersten Hefte der Rheinischen Thalia) der Darstellung einiger Stücke veranlaßt, in welchen mehrere Mitglieder, die früher an vieles Lob von ihm gewöhnt waren, sehr hart mitgenommen wurden. Diese Kritiken mußten um so mehr auffallen, als damals eine Zeitung oder ein Journal sehr selten über einzelne Schauspieler etwas erwähnte und diese ohnehin es mit den meisten Künstlern gemein haben, sich für vollkommen oder unfehlbar zu achten. Zu Anfang des März 1785 wurde alles von ihm veranstaltet, um Mannheim bald verlassen zu können, welches, durch erhaltene Wechsel aus Leipzig erleichtert, zu Ende des Monats auch wirklich ausgeführt wurde. Den Abend vor seiner Abreise, welche bei Anbruch des kommenden Tages vor sich gehen sollte, brachte S. bis gegen Mitternacht bei ihm zu. Die vergangenen zwei Jahre, welche auf eine sehr unangenehme Weise von ihm verlebt waren, berührte er nur insofern, als sie in ihm die traurige Überzeugung hervorgebracht, daß in Deutschland, wo (1785) das Eigentum des Schriftsteller wie des Verlegers jedem preisgegeben, ja als vogelfrei erklärt sei, und bei der geringen Teilnahme höherer Stände an den Erzeugnissen der deutschen Literatur ein Dichter, würde er auch alle andern der verflossenen oder gegenwärtigen Zeit übertreffen, ohne einen besoldeten Nebenverdienst, ohne bedeutende Unterstützung, bloß durch die Früchte seines Talents unmöglich ein solches Einkommen sich verschaffen könne, als einem fleißigen Handwerksmanne mit mäßigen Fähigkeiten dieses gelingen müsse. Er war sich bewußt, alles getan zu haben, was seine Kräfte vermochten, ohne daß es ihm gelungen wäre, das wenige zu erwerben, was zur größten Notwendigkeit des Lebens gezählt wird, noch weniger aber so viel, daß er bei seiner Abreise auch seine Geldverbindlichkeiten hätte erfüllen können. Von nun an sollte nicht mehr die Dichtkunst, am wenigsten aber das Drama, der einzige Zweck seines Lebens sein, sondern er war fest entschlossen, den Besuch der Muse nur in der aufgereiztesten Stimmung anzunehmen; dafür aber mit allem Eifer sich wieder auf die Rechtswissenschaft zu werfen, durch welche er nicht nur aus jeder Verlegenheit befreit zu werden, sondern auch einen wohlhabenden, sorgenfreien Zustand zu erwerben hoffen dürfe.

Diesen Plan besprach er von allen denkbaren Seiten. Wenn auch eine sich als widrig zeigte, so wäre sie doch nicht von der demütigenden Art, wie solche, die sich täglich dem Dichter darbieten, der in der höheren Gesellschaft nicht aufgenommen, wenn er seine Feder der Bühne widme, sogar verachtet sei, auf keinen Rang unter den Ständen Anspruch machen dürfe und wie ein fremdes, heimatloses Wesen seinen kärglichen Unterhalt mit unablässiger Anstrengung erringen müsse. Seinen Talenten, seiner Beharrlichkeit traute er es zu, in weniger als einem Jahre die Theorie der Rechtswissenschaft, unterstützt von den reichen Hilfsmitteln der Leipziger Universität, soweit inne zu haben, daß er auch darin wie in der Arzneikunde den Doktorhut nehmen und dadurch sich nicht nur einen bessern, sondern auch beständigern Zustand bereiten könne. Er glaubte den Schluß mit vollem Rechte machen zu dürfen, wenn die Erlernung dieser Wissenschaft einem gewöhnlichen Kopf in einigen Jahren möglich sei, so müsse es ihm – der von Jugend auf zum Studieren von Systemen angehalten worden – der in den zwei ersten Jahren, die er in der Akademie zubrachte, bedeutende Fortschritte in dieser Wissenschaft getan – der das Lateinische ebenso geläufig wie seine Muttersprache inne habe – der Hallers Werke in drei Monaten sich so eigen gemacht, daß er eine Prüfung darüber mit Ehren bestehen konnte – dem das Nachdenken eine Lust, ein Bedürfnis sei – um so viel leichter werden, den Schneckengang anderer mit seinen weit ausgreifenden Schritten zu überholen und schnell dahin zu gelangen, wo ihn auch die kühnste Erwartung erst nach Jahren vermute.

Sein Vorsatz darüber war so fest, die Ausführung schien ihm so leicht, eine ehrenvolle Anstellung bei einem der kleinen sächsischen Höfe so nahe, daß er und der zurückbleibende Freund sich die Hände darauf gaben, so lange keiner an den andern schreiben zu wollen, bis er Minister oder der andere Kapellmeister sein würde. Mit diesem feierlichen Versprechen schieden beide voneinander.

Aber die Himmlischen hatten anders über ihn beschlossen. Sie ließen es nicht zu, daß eine solche Fülle von Gaben, reich genug, um Millionen zu beglücken, nur auf einen engen Kreis beschränkt oder ganz unfruchtbar bleiben sollte. Mit Liebe leiteten sie nun an sanfter, gütiger Hand ihren Begünstigten in die Arme von Freunden, die alles aufboten, damit er seinem hohen Berufe nicht ungetreu würde, damit er die unendliche Menge des wahrhaft Schönen und Guten, welches er in sich trug, zur Veredlung der Menschheit, zur Erleuchtung und Stärkung kommender Geschlechter, zu unvergänglichem Ruhme seiner selbst sowie zu dem seines eigentlichen Vaterlandes anwenden konnte.


Durch diese nach allen Umständen getreue Erzählung darf der Verfasser glauben, eine sehr bedeutende Lücke, die sich – ohne irgend eine Ausnahme – in allen Lebensbeschreibungen des großen Mannes findet, ausgefüllt, und einem künftigen Biographen die vollständige Darstellung eines auf seine Zeit so einflußreichen Lebens erleichtert zu haben. Der verehrte Leser wolle nun diese von einem Augenzeugen gegebene Mitteilung mit den früher von andern dem Publikum vorgelegten vergleichen und dann die Glaubwürdigkeit letzterer beurteilen.

Ende.

Auf Kriegspapier gedruckt.