Dieselbe Wirkung brachte diese Überraschung auf Schillern um so mehr hervor, weil sie von Fremden ausging, er seine Umgebung schon gewohnt war und nur äußerst wenige sich fanden, welche seine hohen Darstellungen sowie den tiefen Sinn, der in ihnen lag, genugsam hätten würdigen können. Allmählich wurde auch die Hoffnung in ihm erregt, daß diese neuen Freunde wohl keine Verwendung unterlassen würden, um ihn aus seinem dermaligen Zustande zu erlösen und in bessere Verhältnisse zu setzen. Dieses bestätigte sich auch später in einem solchen Grade, daß es für denjenigen, der sich an den Werken des Unsterblichen stärkt und kräftigt, noch heute eine Art von Pflicht ist, dabei auch Körners, seines erhaltenen, unwandelbaren Freundes dabei eingedenk zu sein.
Ehre demjenigen, der einem aus drückenden Lebensverhältnissen befreiten Talente seine Achtung und Aufmerksamkeit beweist! Aber die größte Ehre sei dem, welcher einem hohen Geiste die Hindernisse wegräumt, die seinem freien Wirken sich entgegenstellen, und der nicht seinen Überfluß, sondern sein Notwendiges mit ihm teilt. Der Eifer und die Tätigkeit Schillers schienen durch den Briefwechsel mit den neuen Freunden einen lebhaften Schwung erhalten zu haben, denn er arbeitete nun ohne Rast an Don Carlos und an dem ersten Hefte seiner Monatsschrift. Eine angenehme Zerstreuung verschaffte ihm der Besuch seiner ältesten Schwester, welche, von Herrn Reinwald begleitet, auf kurze Zeit nach Mannheim kam. Die blühende, kräftige Jungfrau schien entschlossen, ihr künftiges Schicksal mit einem Manne zu teilen, dessen geringe Einkünfte und wankende Gesundheit wenig Freude zu versprechen schienen. Jedoch waren ihre Gründe dazu so edler Art, daß sie auch in der Folge es nie bereute, das Herz ihrem Verstande und einem vortrefflichen Gatten geopfert zu haben. Nicht lange nach der Schwester Abreise wählte Herr von Kalb, damals Offizier in französischen Diensten, wo er die Feldzüge des nordamerikanischen Befreiungskrieges mitgemacht und sich dabei sehr ausgezeichnet hatte, mit seiner Gemahlin und Schwägerin seinen Aufenthalt zu Mannheim. Schiller lernte sogleich diese in jedem Betracht edle Familie kennen, in welcher Frau von Kalb durch ihren richtigen Verstand und feine Geistesbildung sich besonders auszeichnete. Für den Dichter war der Umgang mit diesen seltenen Menschen ebenso wichtig als erheiternd, indem kein Gegenstand der Literatur sich fand, mit welchem diese Dame nicht vertraut gewesen wäre, oder irgend eine Weltbegebenheit, bei deren Beurteilung man das Umfassende, Scharfsinnige und die klaren Ansichten ihres Gemahls nicht hätte bewundern müssen.
Die Musik verschaffte S. das noch stets in Andenken erhaltene Glück, Frau von Kalb mehrmals in der Woche zu sehen und, da sie eben in der Dichtung eines Romans begriffen war, auch über andere Gegenstände mit ihr zu sprechen. Es war nichts natürlicher, als daß sehr oft von Schiller und seinen Arbeiten die Rede war, von denen aber S. den Don Carlos, den der Dichter jetzt unter der Feder habe, weit über alles früher Geleistete setzte. Die Neugierde der Frau v. K. wurde durch die begeisterten Lobeserhebungen auf das höchste gespannt. Sie ersuchte Schillern einigemal, ihr doch etwas davon lesen zu lassen. Allein dieser wollte erst noch einige Szenen fertig machen, dann ins Reine schreiben und, um jede Schönheit gehörig herauszuheben, selbst vorlesen. Frau v. K. fügte sich um so eher in diesen Aufschub, weil sie hoffte, daß einige weitere Szenen ihr Vergnügen erhöhen müßten und sie auch davon den schönsten Genuß sich versprach, die ihr mit so vielem Enthusiasmus angerühmte prachtvolle Sprache aus des Dichters eignem Munde zu vernehmen. Dieser brachte endlich eines Nachmittags seinen Don Carlos zu der in der größten Erwartung harrenden Frau und las ihr den fertigen Teil des ersten Aktes vor. Lauschend heftete die Zuhörerin ihre Blicke auf den mit Pathos und Begeisterung deklamierenden Verfasser, ohne durch das leichteste Zeichen ihre Empfindung erraten zu lassen. Als dieser geendigt hatte, fragte er mit der unbefangensten, freundlichsten Miene: »Nun, gnädige Frau! wie gefällt es Ihnen?« Diese suchte auf die schonendste Art einer bestimmten Antwort auszuweichen. Als aber wiederholt um die aufrichtige Meinung über den Wert dieser Arbeit gebeten wurde, brach Frau v. K. in lautes Lachen aus und sagte: »Lieber Schiller! das ist das Allerschlechteste, was Sie noch gemacht haben.« – »Nein! das ist zu arg!« erwiderte dieser, warf seine Schrift voll Ärger auf den Tisch, nahm Hut und Stock und entfernte sich augenblicklich. Kaum war er aus der Tür, als Frau v. K. nach dem Papiere griff und zu lesen anfing. Sie hatte die erste Seite noch nicht geendigt, als sie sogleich dem Bedienten schellte. »Geschwind, geschwind lauf' Er zu Herrn Schiller: ich lasse ihn um Verzeihung bitten, ich hätte mich geirrt, es sei das Allerschönste, was er noch geschrieben habe, er solle doch ja sogleich wieder zu mir kommen.« Der Auftrag wurde ebenso schnell als genau ausgerichtet. Allein Schiller gab der Bitte kein Gehör, sondern kam erst den folgenden Tag zu der feinsinnigen Frau, die zwar ihr erstes Urteil sehr willig zurücknahm, ihm aber auch erklärte, daß seine Dichtungen durch die heftige, stürmische Art, mit welcher er sie vorlese, unausbleiblich verlieren müßten.
Als Kabale und Liebe wieder aufgeführt wurde, hatte Schiller die Aufmerksamkeit, den Namen des Hofmarschalls umschaffen zu wollen. Allein Herr und Frau von Kalb dachten viel zu groß, um sich durch einen erdichteten Namen irren zu lassen, und widersetzten sich einer Abänderung aus dem sehr richtigen Grunde, daß ein anderer Name als der frühere die Vermutung herbeiführen müsse, als sei der vorherige auf jemand aus ihrer Familie abgesehen gewesen.
Der Umgang mit diesen wahrhaft edlen, vortrefflichen Menschen nebst dem Briefwechsel mit den Freunden in Leipzig verschafften dem Dichter zwar viele erheiternde Stunden, konnten aber dennoch seine häuslichen Verhältnisse und seine schwankende, unbestimmte Stellung nicht verbessern, sondern er mußte in so beunruhigenden Umständen auch den Herbst nebst dem Anfange des Winters noch ebenso wie bisher zubringen, obwohl er sich mit Sachen beschäftigte, welche nur der ganz sorgenfreien Laune an den Tag zu fördern möglich sind.
Endlich zu Anfang des Jahres 1785[9] verbreitete sich in Mannheim das Gerücht, der regierende Herzog von Weimar werde auf einen Besuch zu der landgräflichen Familie nach Darmstadt kommen. Schiller, von seinem eignen Verlangen ebensosehr als von Herrn und Frau Kalb angeeifert, wünschte nichts so sehnlich, als bei dieser aus den feinsten Kennern des wahrhaft Schönen bestehenden Zusammenkunft sich als denjenigen zeigen zu dürfen, der wohl würdig wäre, dem schönen Bunde in Weimar beigesellt zu werden, welcher den Namen seines hohen Beschützers auf die späteste Nachwelt übertragen würde. Die Güte, die Herablassung nebst aufrichtiger Anerkennung großer Eigenschaften waren von dem Herzoge von Weimar ebenso zu erwarten, als das zuvorkommende Benehmen der Frau Landgräfin gegen jeden ausgezeichneten Künstler oder Dichter sich schon so oft gezeigt hatte. Der Ruf von dem hohen Werte der theatralischen Arbeiten Schillers war keinem Deutschen unbekannt, daher die Empfehlungsbriefe von Herrn und Frau von Kalb nebst denen von Baron Dalberg an die nächste Umgebung der fürstlichen Personen mit freundlichster Berücksichtigung aufgenommen wurden.
Schillers wichtigste Angelegenheit war, seinen Don Carlos in demjenigen Kreise bekannt zu machen, für den er eigentlich gedichtet schien. Hatte er darin die richtigste Ansicht getroffen, die würdigste Sprache gewählt, so durfte er nicht allein den ungeteilten Beifall der hohen Gesellschaft, sondern auch die wichtigste Entscheidung für seine Zukunft erwarten. Sein Wunsch, Don Carlos selbst vorzulesen, wurde mit fürstlichem Wohlwollen gewährt und diese majestätische Dichtung mit so entschiedenem Anteil aufgenommen, daß es bei einer folgenden Unterredung mit dem Herzoge von Schiller nur einer leisen Bitte bedurfte, um von demselben eine öffentliche Anerkennung seines außerordentlichen Geistes zu erhalten.
Schiller kehrte als Rat des Herzogs von Weimar nach Mannheim zurück.
Konnte dieses einsilbige Wörtchen den Verdiensten des schon damals alles überragenden Dichters auch keinen neuen Glanz verleihen, so hatte es wenigstens für die Gegenwart dennoch die Wirkung eines Talismans; denn seine Verhältnisse, von denen sich nur die traurigste Wendung erwarten ließ, gestalteten sich von nun an um vieles beruhigender, ja sie erhielten dadurch einen Anhaltspunkt, der bis jetzt nur ersehnt, aber nicht erreicht werden konnte. Das Verlangen der Eltern, er möchte durch eine dauernde Versorgung einem Fürsten angehören, schien erfüllt, seinen in Stuttgart zurückgelassenen Tadlern wurde bewiesen, daß seine Talente im Auslande weit größere Würdigung als in Württemberg gefunden und auch solche, die gegen seine Arbeiten gleichgültig geworden waren, mußten für ihn höhere Achtung gewinnen, da er von einem so vollgültigen Richter würdig befunden wurde, dem schönsten Geisterverein, welchen Deutschland jemalen aufzuweisen hatte, für immer anzugehören.
Ohne daß Schiller es ahnte oder zu wissen schien, hatte dieser kleine Beisatz zu seinem Namen dennoch einen sehr großen Einfluß auf ihn. Sein Betragen wurde freier, bestimmter. Dieser Titel hatte in ihm die Gewißheit erweckt, sich ein neues besseres Vaterland erwerben zu können. Die Beurteilungen des Theaters wurden kälter, schärfer ausgesprochen, als früher geschah. Seine Tätigkeit war wie neu belebt; auch arbeitete er jetzt mit um so mehr Freude, je näher eine günstige Veränderung seines ihm bisher nur Unheil bringenden Aufenthaltes zu hoffen war.