Wie glücklich, wie erhaben waren solche Stunden, in welchen der hohe Meister sein Werk einem reinen, warmen Sinne vorlegen und den tiefen, unverfälschten Eindruck gewahren konnte, den es in dem Gemüte des begeisterten Jünglings hervorbrachte. Jeder Vers wurde als trefflich, jedes Wort, jeder Ausdruck als erschöpfend anerkannt, denn es war auch alles groß, alles schön, jeder Gedanke voll Adel. Er konnte ja nichts Gemeines hervorbringen. Der enthusiastische Freund beschwor Schillern, bei ähnlichen Gegenständen sich doch gewiß nie mehr zur Prosa herabzulassen, indem er selbst wahrnehmen müsse, wie viele Wirkung schon die ersten Versuche erregten.

Nun arbeitete er sehr fleißig an diesem Trauerspiel, übte sich aber auch zugleich, um seine Einbildungskraft zeitweise ausruhen zu lassen, in der französischen Sprache, die ihm seit zwei Jahren fremd geworden war, und welche er sowohl zum Lesen von Racine, Corneille, Diderot usw. als auch zum Übersetzen sich wieder geläufig machen wollte. Zu letzterem bewog ihn besonders, seit das Projekt einer Dramaturgie rückgängig geworden, der Vorsatz, eine Monatschrift herauszugeben, welche zwar vorzüglich theatralischen Arbeiten und Beurteilungen gewidmet sein sollte, von der aber auch andere Sachen, die für die Lesewelt anziehend sein könnten, nicht ausgeschlossen wären. Das Sammeln der Materialien für mehrere Hefte, das Ausarbeiten derselben, welches in Mannheim, da er noch keinen Mitarbeiter hatte, ganz auf ihm lastete, beschäftigte ihn oft bis tief in die Nacht, erhöhte aber auch seinen Mut, weil er daraus größere Vorteile als durch Stücke für die Bühne zu ziehen hoffen durfte. Während dieser Anstrengungen, in denen er sich nur wenige Ruhe gönnte und wo er alles zu ergreifen suchte, um sein Leben nur einigermaßen von Sorgen frei zu halten, wurde er an eine Verpflichtung gemahnt, die er noch in Stuttgart eingegangen, und an die er nur mit Bangigkeit denken konnte.

Es ist aus seinem Briefe aus Frankfurt an Baron Dalberg ersichtlich, daß er diesen auf die edelste, rührendste Art um einen Vorschuß von 200 Gulden gebeten, damit er die dringendsten Schulden, die seine schnelle Entfernung zu bezahlen ihm unmöglich machte, damit tilgen könne. Er sagt dabei: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorgen macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.«

Diese für einen reichen Mann so leicht zu erfüllende Bitte wurde ihm aber nicht gewährt, sondern er wurde durch erregte Hoffnungen veranlaßt, seine wenige Barschaft in Oggersheim vollends aufzuzehren. Auch seine folgenden Verhältnisse gestatteten ihm nicht, die gemachten Versprechungen zu halten und mit deren Erfüllung eine Last von sich abzuwälzen, die für sein wohlwollendes, für die Ehre sehr empfindliches Gemüt die drückendste seines früheren und späteren Lebens war. Beinahe zwei Jahre schon war die Geduld der Gläubiger hingehalten worden; er durfte also die Meinung hegen, daß dieses vielleicht noch länger der Fall sein könnte. Allein zu seinem nicht geringen Schrecken kam es anders. Die Person, welche sich für ihn auf obige Summe verbürgt hatte, wurde so sehr von den Darleihern gedrängt, daß sie aus Stuttgart nach Mannheim entfloh. Man setzte ihr nach, erreichte sie dort und hielt sie gefangen.

Um sie für jetzt und für die Zukunft zu retten, blieb kein anderes Mittel, als ihr die 200 Gulden zu erstatten, für welche sie sich verbürgt hatte. Aber woher sollte diese für den, der keine andere Sicherheit als die Früchte seiner Feder leisten konnte, sehr bedeutende Summe aufgebracht werden? Von daher, wo er schon zweimal vergeblich Hilfe suchte, durfte er keine gewärtigen. Auch wollte er sich, da die ganze Sache ein Geheimnis bleiben sollte, nur jemand vertrauen, von dessen Verschwiegenheit er versichert sein konnte. Glücklicherweise war er mit einem sehr achtungswerten Manne, dem Baumeister Herrn Anton Hölzel, bei welchem S. wohnte, nicht nur bekannt, sondern wurde von ihm auch außerordentlich hochgeachtet, und dieser, so wenig er auf Reichtum oder Wohlhabenheit Anspruch machen konnte, scheute kein Opfer, um die verlangte Hilfe zu verschaffen, damit er aus einer Verlegenheit befreit würde, die von höchst nachteiligen Folgen für ihn hätte sein können. Es wäre vielleicht möglich gewesen, daß seine Eltern diesen Betrag erlegt oder wenigstens Bürgschaft dafür geleistet hätten, aber um dieses einzuleiten war die Zeit zu kurz. Um Rat zu schaffen, durfte kein Augenblick verloren werden. Und dann war auch sein Stolz zu groß, um seine gefährliche Lage dem Vater zu enthüllen, welcher seine Flucht sowohl als auch seine ungewissen Verhältnisse bisher immer mißbilligt hatte.

Dieser höchst unangenehme Vorfall machte auf den gepeinigten Dichter einen um so tieferen Eindruck, als jetzt durchaus nicht mehr abzusehen war, wie oder in welcher Zeit eine Rettung aus seinen Geldnöten möglich sein würde. In dem für ihn so fatalen Mannheim war keine Erlösung aus den Sorgen zu hoffen; denn bei so geringen Einkünften mußten sich seine Umstände immer tiefer und endlich auf einen solchen Grad verschlimmern, daß ihm zuletzt kein anderes Mittel zu Gebote gestanden hätte, als sich heimlich zu entfernen. Aber wohin??? – – – dies war eine Frage, auf die keine Antwort sich finden ließ.

Wie aber oft das dichteste, schwärzeste Gewölk sich plötzlich öffnet, um einen erquickenden Strahl der Sonne durchzulassen, oder auch der schwere Arm des Schicksals über den harten Prüfungsschlägen selbst ermüdet, so geschah es hier, und der erste Schritt, um Deutschland seinen edelsten Dichter zu erhalten, wurde nicht von seiner Umgebung, die täglicher Zeuge seines großen Charakters war, auch nicht von denen, die von den Früchten seines Geistes Vorteile zogen, sondern von solchen Menschen getan, deren Dasein ihm gar nicht bekannt war. Ganz unerwartet nämlich erhielt er durch den Postwagen[8] ein Päckchen, in welchem vier Bildnisse, mit farbigen Stiften auf Gips gezeichnet, nebst einer gestickten Brieftasche mit Schreiben sich befanden, welch letztere von der wärmsten, tiefsten Verehrung gegen seine großartigen Arbeiten sowie von der richtigen Würdigung seines außerordentlichen Dichtergeistes zeugten.

Wie wohltuend der Eindruck gewesen, den diese schöne Überraschung auf Schiller machte, dies kann selbst der Augenzeuge nicht gehörig beschreiben. Obwohl er auch hierüber sich ebenso auf die edelste, männlichste Art wie über alles äußerte, so zeigte dennoch seine vermehrte Heiterkeit fast in höherem Grade als seine Gespräche, wie erfreulich es ihm sei, in weiter Ferne von gebildeten Menschen erkannt, hochgeachtet und wegen seiner Leistungen geliebt zu werden; daß diese aus einem Gesichtspunkt angesehen würden, welcher ihn hoch über seine Zeit stellte – daß, wenn auch die meisten, welche ihn umgaben, stumm blieben und nur Kälte zeigten, es noch an manchen Orten Herzen geben könne, die für ähnliche Gefühle wie das seinige schlügen – daß er, seiner bittern, düstern Verhältnisse ungeachtet, sich durch eine solche Anerkennung weit höher als durch Reichtümer belohnt finde.

Hätten doch Herr Körner, seine Braut, deren Schwester und Professor Huber, von denen dies die Abbildungen waren, sehen können, wie glücklich diese Aufmerksamkeit Schillern machte, welche Ruhe, welche Zufriedenheit dadurch in sein ganzes Wesen kam, wie es ihm schmeichelte, die erhaltenen Beifallsbezeugungen mit seinen eignen Ansichten übereinstimmend zu finden, wahrlich, sie hätten die süße Genugtuung empfunden, dem Dichter das Vergnügen, welches er ihnen durch seine Werke verschafft, reichlich vergolten zu haben!

Wer nie in dem Falle war, bei sich selbst oder bei andern wahrzunehmen, wie stumpf, wie gebeugt der Geist endlich werden muß, wenn dasjenige, was das Talent erschafft, nicht gehörig gewürdigt oder nicht verhältnismäßig belohnt wird, der kann es auch unmöglich fassen, wie sehr eine unvermutete Anerkennung des wahren Wertes dem Selbstvertrauen, der Tätigkeit eine Schnellkraft verleiht, die das ganze frühere Empfindungsvermögen so sehr verändert, daß derjenige, welcher soeben erst in sich zusammengesunken war, plötzlich mit erhobenem Haupte sich aufrichtet. Den Dichtern, Künstlern ist es zwar immer angenehm, wenn ihre Verdienste durch Ehre, Geld oder andere Zeichen des Beifalls belohnt werden; aber höher als alles dieses achten sie es dennoch, wenn die innersten Absichten ihrer Arbeiten so gänzlich begriffen werden, daß sie in demjenigen, der über sie urteilt und ihnen kenntnisreiche Lobsprüche spendet, ihr eigentliches Selbst erkennen.