Der Leichtigkeit gemäß, mit welcher er Pläne zu Dramen schnell entwerfen konnte, hätte er einer der fruchtbarsten Schriftsteller für die Bühne werden können, aber wenn es an das Niederschreiben kam, da erlaubte sein tiefes Gefühl der Feder keine Eile. So wie er jede Sache in ihrem ganzen Umfang erfaßte, so sollte sie auch durch Worte nicht nur auf das deutlichste, sondern auch auf das schönste dargestellt werden. Daher das Erschöpfende, Volle, Satte und Runde seiner Ausdrücke und Wendungen, welche die Gedanken ebenso wie das Gefühl aufregen und sich dem empfänglichen Gemüt einprägen.

Solche Dichter, denen ihre Gaben nur sparsam zugemessen worden, sind um vieles mehr entschlossen. Kaum ist ein Gegenstand gefunden, so wird schon die Feder eingetaucht, damit die Arbeit schnell fertig werde. Schnell werden auch Vorteile damit erreicht, aber –

»der Ruhm mit seiner Sternenkrone«

kann nie auf einem solchen Haupte verweilen. Während Schiller noch immer unentschlossen blieb, welche Handlung er zu einem neuen Trauerspiele wählen solle, war schon das Frühjahr verflossen, und Baron Dalberg vernahm weder von ihm selbst noch von andern, daß er sich für einen Stoff entschieden habe, wodurch denn die Hoffnung verschwand, in diesem Jahre noch ein neues Stück von ihm auf der Bühne zu sehen. Konnte dieses nicht geliefert werden, so war die Besoldung des Theaterdichters für nichts ausgegeben, was der magern Kasse nicht anders als schmerzlich sein konnte. Um nun Schillern zur Arbeit anzutreiben, oder wenn dieses nicht gelingen sollte, auf eine gute Art wieder loszubringen, beredete Baron Dalberg einen Bekannten desselben, seinen Hausarzt, den Hofrat Mai, jenem zu raten, das Studium der Arzneikunde wieder zu ergreifen; was eigentlich so viel heißen sollte, diese Feder, aus welcher schon die trefflichsten Gedichte und drei Trauerspiele geflossen, welche alle anderen der damaligen Zeit übertrafen, und noch heute nach fünfzig Jahren auf allen deutschen Bühnen gegeben werden, wegzuwerfen, und dafür eine solche zu nehmen, mit welcher bloß Rezepte ausgefertigt werden könnten.

Kaum eine Viertelstunde nachdem Hr. Mai fort war, trat S. zu dem Dichter ein, der ihm mit argloser, gutmütiger Freude den gemachten Vorschlag berichtete und denselben – wenn ihm auf einige Jahre Unterstützung zu teil würde – als das einzige Rettungsmittel aus seinem sich täglich mehr verwirrenden Zustand ansah. Er entschloß sich, alsogleich an Baron Dalberg zu schreiben, und obwohl ihm vorausgesagt war, daß nur eine hofmäßige, ausweichende Antwort darauf erfolgen würde, so ließ sich sein edles, reines Herz, das andere nur nach der eignen Weise beurteilte, doch nicht abhalten, eine Bitte zu tun, die zu seinem eignen Besten, sowie zur Ehre des deutschen Namens unerfüllt blieb.

Was hätte auch die Welt, was Schiller dabei gewonnen, wenn derjenige, den er als seinen hohen Gönner achtete, einige hundert Gulden daran gewagt hätte, damit der Dichter wieder in einen Arzt, das heißt in einen solchen Mann umgewandelt würde, der alles, was er bisher geschaffen, vergäße – der den Boden, welcher schon so herrliche, prachtvolle Früchte getragen, wieder versumpfen ließe, um sein tägliches Brot sicherer als bisher erwerben zu können. Auch wären die Anstrengungen von neuen zwei Jahren um so gewisser vergeblich gewesen, da er sich wohl nie zu dem ängstlichen Fleiße, zu einer in das kleinste eingehenden Teilnahme hätte herablassen mögen, ohne die ein ausübender Arzt gar nicht gedacht werden und ohne welche er nicht die geringsten Vorteile für sein Glück erwarten darf. Wahrscheinlicherweise hätte er sich in das Philosophische der Medizin geworfen; vielleicht – wozu er nur zu viele Anlage hatte – hätte er ein ganz neues System der Heilkunde aufgestellt.

Allein wie lange würde dieses gedauert haben? – Jedes Geschlecht sieht Ähnliches entstehen, und jedes erlebt auch dessen Untergang. Sein Gebiet war ausschließend die Dichtkunst. Hier war er Held, hier war er Herrscher; hier fühlte er seine unbezwinglichen Kräfte, und nur durch diese konnte er sich ein Reich errichten, das nie zerstört und dessen Grenze wohl schwerlich von jemand überschritten wird. Dieser Antrag hatte jedoch die gute Folge, daß er seinem bisherigen Wanken ein Ende machte und Schiller sich ernstlich entschloß, alles andere vorläufig nicht mehr zu beachten, sondern seine ganze Zeit Don Carlos zu widmen. Von diesem hatte er schon mehrere Szenen entworfen, auch den Gang des Stückes so ausgedacht, daß er zwar der Geschichte nicht ganz widerspräche, doch aber der Charakter Philipps etwas gemildert erscheine. Überdenkt man den Inhalt seiner drei ersten Trauerspiele, so wird man die längere Überlegung des Dichters sowie sein Zaudern, sich schnell an diese Arbeit zu wagen, sehr begreiflich finden. Im Don Carlos hatte er Charaktere zu schildern, die sich in der allerhöchsten Sphäre bewegten, die nicht nur den größten Einfluß auf ihre Zeit ausübten, sondern auch der Menschheit die tiefsten Wunden schlugen. Wäre es nur darum zu tun gewesen, die handelnden Personen als Tyrannen, als blutdürstige Henker zu zeichnen, so wäre die Schwierigkeit für ihn sehr gering gewesen. Aber er mußte, oder wollte wenigstens, die verabscheuungswürdigsten Menschen mit derselben Larve, die sie im Leben und besonders an Philipps Hofe trugen, getreu darstellen, ihre folgenden Handlungen andeuten und das Ganze dennoch auf eine solche Art stellen, daß es ein höchst anziehendes Schauspiel, aber keinem Zuschauer widerlich wäre. Seine Gespräche verbreiteten sich nicht allein über den Plan selbst, sondern auch über die ganz neue Art von Sprache, die er dabei gebrauchen müsse. Er wollte sie mit all dem Fluß und Wohllaut ausstatten, für welche er ein so äußerst empfindliches Gefühl hatte. Er glaubte daher auch, daß hierzu Jamben der Würde der Handlung sowie der Personen am angemessensten sein würden. Im Anfange machte ihm dieses einige Schwierigkeit, indem er seit zwei vollen Jahren durchaus nichts mehr in gebundener Rede geschrieben hatte. Jetzt mußte er seine Ausdrücke rhythmisch ordnen; er mußte, um die Jamben fließend zu machen, versuchen, schon rhythmisch zu denken. Wie aber nur erst eine Szene in dieses Versmaß eingekleidet war, da fand er selbst, daß dieses nicht nur das passendste für das Drama sei, sondern, da es auch gemeine Gedanken heraushebe, um so viel mehr das Erhabene und die Schönheit der Ausdrücke veredeln mußte. Seine Freude, sein Vergnügen über den guten Erfolg erhöhten seine Lust am Leben, an der Arbeit, und er sah mit Ungeduld der Abendstunde entgegen, in welcher er S. dasjenige, was er den Tag über fertig gebracht hatte, vorlesen konnte. Dieser kannte schon früher keinen höhern Genuß als die prachtvolle, so vieles in sich fassende und dennoch so glatt dahinrollende Prosa seines Freundes. Nun aber mußte sein Gefühl sich in Entzücken verwandeln, als er Gedanken und Ausdrücke wie folgende:

»Ich stand dabei, als in Toledos Mauern
Der stolze Karl die Huldigung empfing,
Als graue Fürsten zu dem Handkuß wankten,
Und jetzt in einem – einem Niederfall
Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen.
Ich stand und sah das junge, stolze Blut
In seine Wangen steigen, seinen Busen
Von fürstlichen Entschlüssen wallen, sah
Sein trunknes Aug' durch die Versammlung fliegen
In Wollust brechen – Prinz – und dieses Aug'
Sprach laut: ›Ich bin gesättigt.‹«

nach den Gesetzen der Tonkunst aussprechen hörte.