Man wird es begreiflich finden, daß der Augenzeuge dieser Lage, der Freund des Dichters, es später nie mehr über sich gewinnen konnte, eines dieser drei Stücke vorstellen zu sehen. So oft er den Versuch dazu machte, so mußte er dennoch sich bei dem ersten Auftritte schon entfernen, weil ihn ein Schmerz, eine Wehmut befiel, die sich nur im Freien stillen konnten.

Deutschland! Deutschland! Du darfst dich deiner großen Söhne nicht rühmen, denn du tatest nichts für sie; du überließest sie dem Zufall und gabst ihr geistiges Eigentum jedem Preis, der sie auf offener Straße darum berauben wollte. Nur der eignen Kraft, dem eignen Mute der einzelnen, nicht deinem Schutze, nicht deiner Fürsorge hast du es beizumessen, wenn andere Völker dich um deine großen Geister beneiden und sich an ihrem Licht entzünden.

Wie wahrhaft sagt Schiller:

»Kein Augustisch Alter blühte,
Keines Mediceers Güte
Lächelte der deutschen Kunst;
Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme,
Sie entfaltete die Blume
Nicht am Strahl der Fürstengunst.
– – – – – – – – –
– – – – – – – – – –
– – – – – – – – –
Rühmend darf's der Deutsche sagen,
Höher darf das Herz ihm schlagen:
Selbst erschuf er sich den Wert.«

Wolle man diesen Ausbruch einer gerechten Klage verzeihen, die sich immer wieder erneuert, so oft diese trüben Tage des – jetzt so hoch gefeierten – Dichters der Erinnerung vorschweben.

Die Äußerung in obigem Briefe, »daß sein Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt sein seligster gewesen,« war ganz seinen damaligen Umständen angemessen. Dort, in diesem stillen Ort, in Gesellschaft und unter dem Schutz einer wohlwollenden Freundin, hatte er keine Sorgen, durfte sich um die Bedürfnisse des Lebens nicht bekümmern, brauchte kein Geld, weil die Gelegenheit zu Ausgaben fehlte, und konnte um so ungestörter seinen Träumen nachhängen, als ihm zarte Achtsamkeit und Pflege jede Mahnung an die Kleinigkeiten des Tages ersparten. Diese Ruhe, dieser behagliche Zustand war ihm so unvergeßlich, daß er nach Versicherung seiner Schwester noch nach vielen Jahren die damalige Zeit als die schönste und glücklichste seines Lebens rühmte; »daß er sich über tausend kleine Sorgen, Bekümmernisse, Entwürfe, die ihm ohne Aufhören vorschwebten, und seinen Geist, seine dichterischen Träume zerstreuten usw.« gegen Herrn Reinwald beklagte, kam daher, daß er in einer Gesellschaft, die jeden Augenblick Forderungen an ihn machte, leben mußte und lästige Frager, Besucher oder Amtsgeschäfte nicht zurückweisen durfte.

Ihm mußte alles Störungen verursachen, da er wachend und träumend für nichts und in nichts als theatralischen Dichtungen lebte, in diesen wie in seinem eigentlichen Elemente sich befand, sie immerwährend ordnend, niederschreiben zu wollen schien und dennoch bei der Menge sich ihm darbietender Gegenstände zu keiner Entscheidung gelangen konnte. Schon in Stuttgart hatte er sich vorgenommen, Konradin von Schwaben zu bearbeiten; später wurde er von Baron Dalberg aufgefordert, den Don Carlos dafür zu nehmen. Während er sich noch in Mannheim mit der Geschichte Spaniens recht vertraut zu machen suchte, glaubte er es leichter, einen ganz eignen Plan zu erfinden, der bald diese, bald jene, aber immer eine tragische Entwicklung haben sollte. Endlich glaubte er einen solchen festhalten zu müssen, in welchem die Erscheinung eines Gespenstes die Entscheidung herbeiführte, und beschäftigte sich so gänzlich damit, daß er schon anfing, seine Gedanken niederzuschreiben. Aber er gab den Plan wieder auf, indem es ihm unter der Würde des Dramas und eines wahren Dichters schien, die größte Wirkung einer Schreckgestalt schuldig sein zu sollen.

Er machte die richtige Unterscheidung, daß ihm das Beispiel Shakespeares, der in Cäsar und Macbeth einen Geist erscheinen läßt, hierin nicht rechtfertigen könne, indem dieser nur als eine Nebensache angewendet worden, die weder auf die Handlung selbst noch auf deren Ausgang den mindesten Einfluß ausübe.

Diese Unentschlossenheit in der Wahl, dieses immerwährende Ausspinnen einer verwickelten Gegebenheit ermüdete ihn aber weit mehr, als wenn er die wirkliche Ausarbeitung begonnen hätte.

Jedoch er konnte nicht anders. Es war seiner Natur ganz entgegen, an irgend etwas nur oberflächlich zu denken. Alles sollte erschöpft, alles zu Ende gebracht werden. Daher beschäftigten sich seine Gedanken so lange mit einem Plane, bis er entweder die Hoffnung, einen wirkungsvollen Ausgang herbeizuführen, verlor, oder bis seine Kräfte ermüdeten, und er dann, um diese nicht ganz abzuspannen, auf etwas anderes überging. Seine Erregbarkeit für dichterische Gegenstände ging ins Unglaubliche. Er war dafür gleichsam eine immer glühende, nur mit leichter Asche bedeckte Kohle. Ein Hauch, und sie sprühte Funken.