Wer es tadeln wollte, daß vorstehender Brief seinem ganzen Inhalte nach mitgeteilt worden, der möge erwägen, daß er ein sehr wichtiger Beitrag zur Kenntnis der Denkungsart und der häuslichen Verhältnisse Schillers ist, und daß ein Zeugnis, welches jemand von sich selbst ablegt, um vieles bedeutender sein muß, als was andere ausgesprochen. Ungerechnet die feine Art, mit welcher er den von ihm vernachlässigten Freund wieder zu gewinnen suchte, zieht er auch diejenigen, welche glauben, sein Aufenthalt in Mannheim wäre so angenehm gewesen, aus einem großen Irrtum.

Mehrere Stellen dieses Briefes, als die Klagen über sein häusliches Leben – über das Unzulängliche seiner Einnahme – seine Zerstreuung und schwärmerischen Träumereien – die Sehnsucht nach Bauerbach usw. fordern hier um so mehr einige Erläuterungen, als er ein viel zu bedeutender Mensch war, um solche Umstände übergehen zu können, und weil hierüber ein Zeuge berichten kann, dem nichts verborgen oder verhehlt wurde.

Ist es für einen jungen Mann, der nicht Vermögen genug besitzt, um sich eigne Bedienung halten zu können, eine beinahe unmögliche Sache, seine Kleidung, Wäsche, Bücher, Schriften usw. dergestalt in Ordnung zu halten, daß keine Verwirrung entstehe, so ist dieses bei Dichtern, Künstlern, Gelehrten oder überhaupt denjenigen, die bloß allein mit ihrer Einbildungskraft arbeiten, und den Eingebungen ihres Geistes folgen müssen, noch weit weniger der Fall.

Je umfassender nun ein Genie, je höher seine Kraft, sein Wollen, seine Pläne sind, um so weniger kann es sich mit solchen Sachen befassen, die auch dem gewöhnlichen Manne schon als solche Kleinigkeiten erscheinen, daß er deren Besorgung unter seiner Würde erachtet. Wenn nun diese Abneigung auch bei solchen stattfindet, deren Wirken mehr nach vorgeschriebenen Regeln, als im Erfinden oder Erschaffen besteht; um wie viel störender muß es einem Dichter oder Künstler sein, wenn er durch die Bedürfnisse des Tages aus seinem Nachdenken, aus seiner Begeisterung gerissen, und gewissermaßen aus einer wärmenden Behaglichkeit in eiskaltes Wasser geworfen wird. Ließe sich eine Idee, ein Ausdruck festhalten, oder würde die Gedankenreihe durch eine Unterbrechung dieser Art nicht so zerstreut, daß man den Anfang und die Folge derselben oft wieder aufs neue suchen muß, so würde die Geduld keine so harte Probe bestehen müssen.

Man denke sich nun unsern Schiller im Brüten über den Plan eines Trauerspieles, in dem Entwurfe einer Szene, in der Ausarbeitung eines Monologes, und stelle sich vor, wie ihm sein mußte, wenn ihm reine Wäsche übergeben und die gebrauchte gefordert wurde, wenn er letztere erst suchen und deren durchsichtigen Zustand erklären mußte, wenn er nach spätem Erwachen die wenigen Stücke seiner Kleidung beschädigt fand, oder sein nur nach Viertelstunden bedungener Diener zu unrechter Zeit eintraf; man denke sich dieses, und glaube dann, daß er trotz seiner Gutmütigkeit oft in eine widerliche Gemütsstimmung geriet.

Aus diesem Zustande hätte ihn nur weibliche Fürsorge erlösen können, die aber in Mannheim fehlte, weil er abgesondert wohnte, sich auch seine kärgliche Mittagskost, von der noch für den Abend etwas zurückgehalten werden mußte, aus einem Gasthause holen ließ. Es würde übrigens eine sehr belustigende und des Pinsels eines Hogarths würdige Aufgabe sein, das Innere des Zimmers eines von immerwährender Begeisterung trunkenen Musensohnes recht getreu darzustellen; denn es würde sich hier durchaus nichts Bewegliches und selbst das nicht, was sonst immer dem Auge entzogen wird, an seinem Platze finden. Unordnung bei jungen Männern ist etwas Gewöhnliches, aber bei den sogenannten Genies übertrifft sie jede Vorstellung. Seine Einnahme während acht Monaten setzt er selbst auf 500 Gulden Reichswährung an. Wem dieses zu wenig scheint, dem darf versichert werden, daß auch diese unbedeutende Summe noch beinahe um 100 Gulden zu hoch angegeben ist, denn außer seiner Besoldung von 300 Gulden, die er vorausnehmen mußte, konnte ihm nur der Ertrag des Druckes von Kabale und Liebe zufließen. Mit diesen geringen Mitteln mußte er sich neu kleiden, Wäsche, Betten, Hausgeräte anschaffen; er mußte, wie er selbst sagt, sogenannte Ehrenausgaben, das heißt, kleine gesellschaftliche Unterhaltungen, Ausflüge auf das Land mitmachen; daher er denn auch immer, nicht nur für den nächsten Monat, sondern für die nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag in Sorgen war und doch immer schuldige Rückstände bezahlen sollte.

Zu dieser bangen, qualvollen Lage gesellte sich dann auch noch das kalte Fieber, welches besonders im Entstehen alle Martern des Tantalus mit sich führte. Denn der brennendste Durst, der heißeste Hunger durfte nicht genugsam gestillt werden, um die Krankheit nicht zu unterhalten. Die Hilfe dagegen, nur in Brechmitteln und Chinarinde bestehend, schwächte den Magen ebensosehr, als sie ihn belästigte; und wenn nichts mehr helfen wollte, mußte man wohl den Rat des Arztes befolgen und so viele Chinapulver, als man sonst in 24 Stunden hätte gebrauchen sollen, zwei Stunden vor dem Eintritte des Fiebers auf einmal nehmen, was freilich oft half, aber ein solches Toben des Magens veranlaßte, daß man glaubte vergehen zu müssen, und was auf lange Jahre hinaus die übelsten Folgen zurückließ.

Möge der Leser, wenn er sich an den Schönheiten von Fiesco und Kabale und Liebe ergötzt oder in den herrlichen Szenen von Don Carlos seine Gefühle schwelgen läßt, doch nie vergessen, daß unter so drückenden, beugenden Umständen die obigen Stücke verändert und der erste Akt des letztern gedichtet wurde; alsdann erst wieder den Göttersohn bewundern, der unter so vielen Übeln seinen Geist immer tätig erhielt und an der heiligen Flamme nährte, die nicht von der Erde, sondern von oben her leuchtet.