Den ganzen Winter hindurch verließ mich das kalte Fieber nicht ganz. Durch Diät und China zwang ich zwar jeden neuen Anfall, aber die schlimme hiesige Luft, worin ich noch Neuling war, und meine von Gram gedrückte Seele machten ihn bald wiederkommen. Bester Freund! ich bin hier noch nicht glücklich gewesen, und fast verzweifle ich, ob ich je in der Welt wieder darauf Anspruch machen kann. Halten Sie es für kein leeres Geschwätz, wenn ich gestehe, daß mein Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt mein seligster gewesen, der vielleicht nie wieder kommen wird.
Vorige Woche war ich zu Frankfurt, Grosmann zu besuchen und einige Stücke da spielen zu sehen, worin zwei Mannheimer Schauspieler, Beil und Iffland, Gastrollen spielten. Grosmann bewirtete mich unter andern auch mit Kabale und Liebe. (Nicht wahr, jetzt zürnen Sie wieder, daß ich noch den Mut habe, dieses Stück vor Ihnen zu nennen, da ich Ihnen auch nicht einmal ein Exemplar davon geschickt. Werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihnen sage, daß nicht nur dieses Stück, sondern auch die beiden andern für Sie schon zurückgelegt waren, daß ich fest entschlossen war, sie Ihnen selbst nach der hiesigen Vorstellung zu bringen, wovon mich eine traurige Notwendigkeit abhielt, und daß ich das aufgegeben habe, als ich bei Schwan erfuhr, Sie hätten das Stück schon kommen lassen?) Hier zu Mannheim wurde es mit aller Vollkommenheit, deren die Schauspieler fähig waren, unter lautem Beifall und den heftigsten Bewegungen der Zuschauer gegeben.
Sie hätte ich dabei gewünscht – den Fiesco verstand das Publikum nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande ein Schall ohne Bedeutung, ein leerer Name – in den Adern der Pfälzer fließt kein römisches Blut. Aber zu Berlin wurde es vierzehnmal innerhalb drei Wochen gefordert und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack daran. Die Mannheimer sagen, das Stück wäre viel zu gelehrt für sie.
Eine vortreffliche Frau habe ich zu Frankfurt kennen lernen – sie ist Ihre Freundin – die Madame Albrecht. Gleich in den ersten Stunden ketteten wir uns fest und innig aneinander; unsre Seelen verstanden sich. Ich freue mich und bin stolz, daß sie mich liebt, und daß meine Bekanntschaft sie vielleicht glücklich machen kann. Ein Herz, ganz zur Teilnahme geschaffen, über den Kleinigkeitsgeist der gewöhnlichen Zirkel erhaben, voll edlen, reinen Gefühls für Wahrheit und Tugend, und selbst da noch verehrungswert, wo man ihr Geschlecht sonst nicht findet. Ich verspreche mir göttliche Tage in ihrer nähern Gesellschaft. Auch ist sie eine gefühlvolle Dichterin! Nur, mein bester, schreiben Sie ihr, über ihre Lieblingsidee zu siegen, und vom Theater zu gehen. Sie hat sehr gute Anlagen zur Schauspielerin, das ist wahr, aber sie wird solche bei keiner solchen Truppe ausbilden, sie wird mit Gefahr ihres Herzens, ihres schönen und einzigen Herzens, auf dieser Bahn nicht einmal große Schritte tun – und täte sie diese auch, schreiben Sie ihr, daß der größte theatralische Ruhm, der Name einer Clairon und Yates mit ihrem Herzen zu teuer bezahlt sein würde. Mir zu Gefallen, mein Teuerster, schreiben Sie ihr das mit allem Nachdruck, mit allem männlichen Ernst. Ich habe es schon getan, und unsere vereinigten Bitten retten der Menschheit vielleicht eine schöne Seele, wenn wir sie auch um eine große Aktrice bestehlen.
Von Ihnen, mein Liebster, wurde langes und breites gesprochen. Madame Albrecht und ich waren unerschöpflich in der Bewunderung Ihres Geistes und Ihres mir noch schätzbareren Herzens. Könnten wir uns in einen Zirkel von mehreren Menschen dieser Art vereinigen, und in diesem engern Kreise der Philosophie und dem Genusse der schönen Natur leben, welche göttliche Idee! – Auch der Doktor ist ein lieber, schätzbarer Freund von mir. Sein ganzes Wesen erinnerte mich an Sie, und wie teuer ist mir alles, wie bald hat es meine Liebe weg, was mich an Sie erinnert.
Noch immer trage ich mich mit dem Lieblingsgedanken, zurückgezogen von der großen Welt, in philosophischer Stille mir selbst, meinen Freunden und einer glücklichen Weisheit zu leben, und wer weiß ob das Schicksal, das mich bisher unbarmherzig genug herumwarf, mir nicht auf einmal eine solche Seligkeit gewähren wird. In dem lärmendsten Gewühl, mitten unter den Berauschungen des Lebens, die man sonst Glückseligkeit zu nennen pflegt, waren mir doch immer jene Augenblicke die süßesten, wo ich in mein stilles Selbst zurückkehrte und in dem heitern Gefilde meiner schwärmerischen Träume herumwandelte, und hie und da eine Blume pflückte. – Meine Bedürfnisse in der großen Welt sind vielfach und unerschöpflich, wie mein Ehrgeiz, aber wie sehr schrumpft dieser neben meiner Leidenschaft zur stillern Freude zusammen.
Es kann geschehen, daß ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters ein periodisches, dramaturgisches Werk unternehme, worin alle Aufsätze, welche mittelbar oder unmittelbar an das Geschlecht des Dramas oder an die Kritik desselben grenzen, Platz haben sollen. Wollen Sie, mein Bester, einiges in diesem Fach ausarbeiten, so werden Sie sich nicht nur ein Verdienst um mich erwerben, sondern auch alle Vorteile für Ihre Börse davon ziehen, die man Ihnen verschaffen kann, denn vielleicht verlegt und bezahlt die kurfürstliche Theaterkasse das Buch. Schreiben Sie mir Ihre Entschließung darüber.
Daß ich Mitglied der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft und also jetzt pfälz'scher Untertan bin, wissen Sie ohne Zweifel.
Den Einschluß überschicken (oder überbringen) Sie an Frau von Wolzogen, und fahren Sie fort, Ihren Freund zu lieben, der unter allen Verhältnissen des Lebens ewig der Ihrige bleiben wird
Fried. Schiller.