Unter andern neuen Bekanntschaften machte er auch die des Doktor Albrecht und dessen Gattin, welche letztere (S. Schröders Leben) später das Theater betrat. Beide waren auch Freunde des Bibliothekars Reinwald in Meiningen und erinnerten Schiller an die – allen, deren Wirken nicht bloß durch die Einbildungskraft geschieht, ganz unbegreifliche – Nachlässigkeit, diesem, dem er so viele Verbindlichkeit hatte, seit der Abreise aus Bauerbach noch nicht geschrieben zu haben.
Kaum nach Mannheim zurückgekehrt, beeilte er sich, seinen Fehler durch ein offenes Geständnis wenn auch nicht zu rechtfertigen, doch wenigstens zu mildern, und schrieb Herrn Reinwald folgenden Brief, dessen Inhalt für jeden seiner Verehrer nicht anders als höchst anziehend sein kann.
Mannheim, den 5. Mai 84.
Bester Freund!
Mit peinigender Beschämung ergreife ich die Feder, nicht um mein langes Stillschweigen zu entschuldigen – kann wohl ein Vorwand in der Welt Ihre gerechten Ansprüche auf mein Andenken überwiegen? – Nein, mein Teuerster, um Ihnen diese Undankbarkeit von Herzen abzubitten, und Ihnen wenigstens mit der Aufrichtigkeit, die Sie einst an mir schätzten, zu gestehen, daß ich mich durch nichts als meine Nachlässigkeit rechtfertigen kann. Was hilft es Ihnen, wenn ich auch zu meiner Verantwortung anführe, daß ich Aussichten hatte, Sie diesen Frühling selbst wieder zu sehen, daß ich die tausend Dinge, die ich für Sie auf dem Herzen habe, mündlich zu überbringen hoffte –
Dieser Traum ist verflogen, wir sehen uns nunmehr so bald nicht, und nichts als Ihre Freundschaft und Liebe wird mein großes Versehen entschuldigen. Glauben Sie wenigstens, daß Ihr Freund noch der vorige ist, daß noch kein anderer Ihren Platz in meinem Herzen besetzt hat, und daß Sie mir oft, sehr oft gegenwärtig waren, wenn ich von den Zerstreuungen meines hiesigen Lebens in stilles Nachdenken überging. – Und jetzt will ich auch auf immer einen Artikel abbrechen, wobei ich von Herzen erröten muß.
Wie haben Sie gelebt, mein Teurer? Wie steht es mit Ihrem Gemüt, Ihrer Gesundheit, Ihren Zirkeln, Ihren Aussichten in bessere Zukunft? – Ist noch kein Schritt zu einer solidern Versorgung geschehen? Müssen Sie sich noch immer mit den Verdrießlichkeiten eines armseligen Dienstes herumstreiten? – Hat auch Ihr Herz noch keinen Gegenstand aufgefunden, der Ihnen Glückseligkeit gewährte? –
Wie sehr verdienen Sie alle Seligkeiten des Lebens, und wie viele kennen Sie noch nicht! – Auch um einen Freund mußte ich Sie betrügen! Doch nein! Sie haben ihn niemals verloren und werden ihn auch niemals verlieren.
Vielleicht wünschen Sie mit meiner Lage bekannt zu sein. Was sich in einem Briefe sagen läßt, sollen Sie erfahren.
Noch bin ich hier, und nur auf mich kommt es an, ob ich nach Verfluß meines Jahres, nämlich am 1. September, meinen Kontrakt verlängern will oder nicht. Man rechnet aber indes schon ganz darauf, daß ich hier bleiben werde, und meine gegenwärtigen Umstände zwingen mich beinahe auf längere Zeit zu kontrahieren, als ich vielleicht sonst würde getan haben. Das Theater hat mir für dieses Jahr in allem 500 Gulden Fixum gegeben, wobei ich aber auf die jedesmalige Einnahme einer Vorstellung meiner Stücke Verzicht tun mußte. Meine Stücke bleiben mir frei zu verkaufen. Aber Sie glauben nicht, mein Bester, wie wenig Geld 600 bis 800 Gulden in Mannheim, und vorzüglich im theatralischen Zirkel ist – wie wenig Segen, möchte ich sagen, in diesem Geld ist – welche Summen nur auf Kleidung, Wohnung und gewisse Ehrenausgaben gehen, welche ich in meiner Lage nicht ganz vermeiden kann. Gott weiß, ich habe mein Leben hier nicht genossen, und noch einmal soviel als an jedem andern Orte verschwendet. Allein und getrennt! – Ungeachtet meiner vielen Bekanntschaften, dennoch einsam und ohne Führung, muß ich mich durch meine Ökonomie hindurchkämpfen, zum Unglück mit allem versehen, was zu unnötigen Verschwendungen reizen kann. Tausend kleine Bekümmernisse, Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen Träume, und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung. Hätte ich jemand, der mir diesen Teil der Unruhe abnähme, und mit warmer, herzlicher Teilnehmung sich um mich beschäftigte, ganz könnte ich wiederum Mensch und Dichter sein, ganz der Freundschaft und den Musen leben. Jetzt bin ich auch auf dem Wege dazu.