Nicht lange nachher kam die Vorstellung des neuen Trauerspiels unseres Dichters an die Reihe, welchem Iffland, dem es vorher übergeben wurde, die Aufschrift »Kabale und Liebe« erteilte. Um der Aufführung recht ungestört beiwohnen zu können, hatte Schiller eine Loge bestanden und seinen Freund S. zu sich dahin eingeladen.

Ruhig, heiter, aber in sich gekehrt und nur wenige Worte wechselnd, erwartete er das Aufrauschen des Vorhanges. Aber als nun die Handlung begann – wer vermöchte den tiefen, erwartenden Blick – das Spiel der unteren gegen die Oberlippe – das Zusammenziehen der Augenbrauen, wenn etwas nicht nach Wunsch gesprochen wurde – den Blitz der Augen, wenn auf Wirkung berechnete Stellen diese auch hervorbrachten – wer könnte dies beschreiben! – Während des ganzen ersten Aufzuges entschlüpfte ihm kein Wort, und nur bei dem Schlusse desselben wurde ein »es geht gut« gehört.

Der zweite Akt wurde sehr lebhaft und vorzüglich der Schluß desselben mit so vielem Feuer und ergreifender Wahrheit dargestellt, daß, nachdem der Vorhang schon niedergelassen war, alle Zuschauer auf eine damals ganz ungewöhnliche Weise sich erhoben und in stürmisches, einmütiges Beifallrufen und Klatschen ausbrachen. Der Dichter wurde so sehr davon überrascht, daß er aufstand und sich gegen das Publikum verbeugte. In seinen Mienen, in der edlen, stolzen Haltung zeigte sich das Bewußtsein, sich selbst genug getan zu haben, sowie die Zufriedenheit darüber, daß seine Verdienste anerkannt und mit Auszeichnung beehrt würden.

Solche Augenblicke, in welchen das aufgeregte Gefühl eines bedeutenden Menschen sich plötzlich ganz unverhohlen und natürlich äußert, sollte man durch eine treue Zeichnung festhalten können; dies würde einen Charakter leichter und bestimmter durchschauen lassen, als in Worten zu beschreiben möglich ist.

Die ungewöhnlich günstige Aufnahme dieses Trauerspieles war den Freunden Schillers beinahe ebenso erfreulich, als ihm selbst, indem sie, da seiner Arbeit nicht nur von Kennern, sondern auch von dem Publikum ein entschiedener Vorzug vor andern ähnlicher Art gegeben wurde, hoffen durften, daß er durch neue Werke, nicht wie bisher nur Ehre und Beifall, sondern auch solche Vorteile gewinnen werde, die seine Verhältnisse des Lebens befriedigender gestalten könnten. Der Theaterdirektion konnte es gleichfalls willkommen sein, daß in den verflossenen zwei Jahren auch zwei solche Stücke von ihm geliefert worden, deren Wert sich für eine lange Zukunft verbürgen ließ; und konnte er, wie es auch den Anschein hatte, so fortfahren, so war seine geringe Besoldung sehr gut angelegt.

In der Berauschung, die ein öffentlicher, mit Begeisterung geäußerter Beifall immer zur Folge hat, konnte er jedoch die Nachricht der Schwester (S. vorstehenden Brief), daß die Mutter aus Sehnsucht nach ihm kränklich sei, nicht vergessen, und erlaubte es früher – nachdem keine seiner Erwartungen erfüllt war – sein Stolz nicht, seiner Mutter sich zu zeigen, so war dieser durch den Titel eines Mitgliedes der kurpfälz'schen deutschen Gesellschaft, wie durch den überraschenden Erfolg seiner zwei letzten Stücke, insoweit wenigstens befriedigt, daß er mit gerechtem Selbstgefühl seinen Angehörigen vor Augen treten durfte. Er entschloß sich daher, in Bretten, einem außerhalb der württemberg'schen Grenze liegenden Städtchen, mit seiner Mutter und ältesten Schwester zusammen zu kommen, und wenige Tage nach der ersten Aufführung von Kabale und Liebe begab er sich zu Pferd dahin.[7]

Wäre es möglich, das tiefempfindende, sorgenvolle Gemüt der Mutter, und die Wehmut, mit der sie ihren, nun aus seinem Vaterlande wie von seinen Eltern verbannten Liebling an die Brust drückte, die Lebhaftigkeit, den männlichen Verstand der Schwester, das zarte, weiche, sich immer edel und schön aussprechende Herz des Sohnes gehörig zu schildern, so wäre dieses wohl eines der anziehendsten Gemälde, die sich in dem Leben eines solchen Dichters und einer so seltenen Familie darbieten können. Es muß der Einbildungskraft des Lesers überlassen bleiben, diese Szene, nebst dem nach kurzem Aufenthalte gewaltsamen Losreißen dreier vortrefflicher Menschen, die das von zitternden Lippen gepreßte Lebewohl! für lange, lange Zeit ausgesprochen glauben mußten, sich teilnehmend ausmalen zu können.

Es war ganz natürlich, daß der Wunsch des Vaters wie der Mutter, dem Sohn auf das angelegentlichste empfohlen wurde, sich doch um eine sichere, dauernde Anstellung zu bewerben, damit seine eigenmächtige Entfernung gerechtfertigt und sein Glück dauerhaft begründet sein möge. Allein mit allem guten Willen hierzu konnte er eine solche Veränderung nicht sogleich herbeiführen, und es blieb vorläufig nichts zu tun, als mit dem festen Vorsatz nach Mannheim zurückzukehren, durch neue sich auszeichnende Arbeiten seinem Schicksal eine bessere Wendung zu geben. Er glaubte, daß dieses ein Schritt dazu wäre, wenn er in Gesellschaft von Iffland und Beil, die zu Ende Aprils von Grosmann in Frankfurt auf Gastvorstellungen eingeladen waren, die Reise dahin machte, und dadurch den Kreis seiner Verehrer und Freunde erweiterte.

Bei seinem Aufenthalt daselbst wurde Verbrechen aus Ehrsucht wie auch Kabale und Liebe gegeben. Seine Äußerungen über die Verschiedenheit der Frankfurter gegen die Mannheimer Bühne sowie über die Mitglieder von beiden, finden sich in seinen Briefen an Baron Dalberg.

Daß sich in Frankfurt diejenigen, welche Sinn für höhere Poesie hatten, an den Dichter drängten, der in so jungen Jahren schon so viele Beweise der Überlegenheit seines Geistes an den Tag gelegt, läßt sich sehr leicht denken. Denn die Zeit war damals so ruhig, so harmlos, die Gedichte und Schauspiele Schillers trugen so sehr den Stempel der Größe und Neuheit, daß sich die jüngere Lesewelt nur mit diesen beschäftigte, und ihr alles, was zu gleicher Zeit die Presse in diesem Fache förderte, klein oder nichtsbedeutend schien.