Im Verfolg der Erzählung wird das Gesagte noch weiter bestätigt werden.
Noch während der Umarbeitung des Fiesco wurde es eingeleitet, daß Schiller in die deutsche Gesellschaft zu Mannheim, von welcher Baron Dalberg Präsident war, aufgenommen werden solle. Außer der in Deutschland so sehr gesuchten Ehre eines Titels hatte der Eintritt in diese Gesellschaft wenigstens den Vorteil, daß sie sich des unmittelbaren kurfürstlichen Schutzes erfreute, wodurch denn der Dichter, im Fall er noch von dem Herzog von Württemberg angefochten worden wäre, wenigstens einigen Schutz hätte erwarten dürfen. Zu seinem Eintritt schrieb er die kleine Abhandlung: »Was kann eine gute stehende Schaubühne wirken?« welche noch immer die Mühe verlohnt, sie aufs neue durchzulesen, um den Zweck des Theaters überhaupt und auch die Ansichten des Verfassers über die Wirkung desselben kennen zu lernen.
Einige Monate nach dieser Aufnahme faßte er den Plan, eine Dramaturgie herauszugeben, um durch diese die Mannheimer Bühne als Muster für ganz Deutschland bilden, auch sich zugleich einen größern Wirkungskreis erwerben zu können. Anfangs glaubte man, daß es am besten sein würde, die Aufsätze den Jahrbüchern der deutschen Gesellschaft einzuverleiben. Jedoch der ganze, so eifrig gefaßte und so vielversprechende Vorsatz scheiterte, indem diese Jahrbücher, die nur ernste, trockene Forschungen enthielten, durch Berichte über ein so flüchtiges Ding, wie das Theater zu sein scheint, profaniert geworden wären, und weil die Theaterkasse die von dem Dichter verlangte jährliche Schadloshaltung von 50 Dukaten nicht zu leisten vermochte. (Das Nähere hierüber findet sich in den Briefen an Baron Dalberg S. 104, 124.) Endlich in der Mitte Januars 1784 wurde das republikanische Schauspiel Fiesco aufgeführt, dessen durch Unlenksamkeit der Statisten veranlaßten häufigen Proben dem Verfasser manchen Ärger, viele Zerstreuung und öfters auch Aufheiterung verschafften. Es war alles, was die schwachen Kräfte des Theaters vermochten, angewendet worden, um das Äußerliche des Stücks mit Pracht auszustellen; ebenso wurden auch die Hauptrollen, Fiesco durch Böck, Verrina durch Iffland, der Mohr durch Beil, vortrefflich dargestellt, und manche Szenen erregten sowohl für den Dichter als für die Schauspieler bei den Zuschauern die lauteste Bewunderung. Aber für das Ganze konnte sich die Mehrheit nicht erwärmen; denn eine Verschwörung in den damals so ruhigen Zeiten war zu fremdartig, der Gang der Handlung viel zu regelmäßig, und was vorzüglich erkältete, war, daß man bei dem Fiesco ähnliche Erschütterungen wie bei den Räubern erwartet hatte.
Dichter, Künstler, deren erstes Werk schon etwas Großes, Außerordentliches darstellt, und dessen Bearbeitung in gleicher Höhe mit dem Inhalt sich findet, können selten die Erwartungen in demjenigen, was sie in der nächsten Folge liefern, ganz befriedigen, indem die Anzahl derer ganz unglaublich gering ist, die ein Kunstwerk ganz allein für sich, ohne Beziehung oder Vergleichung mit anderm zu würdigen verstehen. Mit seltener Ausnahme hat jeder Zuhörer oder Zuschauer seinen eignen Maßstab, mit dem er alles mißt, und wenn auch nur eine Linie über oder unter der als richtig erkannten Länge ist, es auch sogleich als untüchtig verwirft. Besonders werden die Werke der Einbildungskraft weit mehr nach dem Gefühl, das sie zu erregen fähig sind, als mit dem Verstande beurteilt, und alle Leistungen, welche das erste im hohen Grad ansprechen – mögen sie übrigens noch so fehlerhaft sein – werden der Menge weit mehr zusagen als solche, bei denen der Verstand, die schöne weise Verteilung, die freie Beherrschung des Stoffes, den großen Meister andeutet. Daher hatte Wieland vollkommen recht, als er in seinem ersten Brief an Schiller schrieb: »er hätte mit den Räubern nicht anfangen, sondern endigen sollen.«
Wir werden weiter unten erfahren, welcher Ursache es der Dichter beigemessen, daß Fiesco in Mannheim die gehoffte Wirkung nicht hatte.
Nach einigen Wochen Erholung begann er die Umarbeitung von Luise Millerin, bei welcher er wenig hinzuzufügen brauchte, wohl aber vieles ganz weglassen mußte. Schien ihm nun auch dieses ganze bürgerliche Trauerspiel ziemlich mangelhaft angelegt, so ließ sich doch an den Szenen, die den meisten Anteil zu erregen versprachen, nichts mehr ändern; sondern er mußte sich begnügen, die hohe Sprache herabzustimmen, hier einige Züge zu mildern und wieder andere ganz zu verwischen. Manche Auftritte, und zwar nicht die unbedeutendsten, gründen sich auf Sagen, die damals verbreitet waren, und deren Anführung viele Seiten ausfüllen würde. Der Dichter glaubte solche hier an den schicklichen Platz stellen zu sollen und gab sich nur Mühe, alles so einzukleiden, daß weder Ort noch Person leicht zu erraten waren, damit nicht üble Folgen für ihn daraus entstünden.
Während dieser Umarbeitung brachte Iffland sein Verbrechen aus Ehrsucht auf die Bühne.
Er war so artig, es Schillern vor der Aufführung einzuhändigen und ihm zu überlassen, welche Benennung dieses Familienstück führen solle, und dem der bezeichnende Name, den es noch heute führt, erteilt wurde. Der außerordentliche Beifall, den dieses Stück erhielt, machte die Freunde Schillers nicht wenig besorgt, daß dadurch seine Luise Millerin in den Schatten gestellt werde, denn niemand erinnerte sich, daß ein bürgerliches Schauspiel jemals so vielen Eindruck hervorgebracht hätte. Letzteres durfte jedoch meistens der Darstellung beigemessen werden, die so lebendig, der ganzen Handlung so angemessen war und in allen Teilen so rund von statten ging, daß man den innern Gehalt ganz vergaß und, von der Begeisterung des Publikums mit fortgerissen, sich willig täuschen ließ.