Sofja Petrowna rief nicht nach dem Mädchen. Sie entkleidete sich selbst und stand bald ganz in Weiß unter einer Fontäne von Kleidungsstücken, die sie in drei, vier Minuten um sich zu bilden verstand; dann warf sie sich ins Bett; jetzt saß sie, die Beine übereinandergeschlagen, das erboste Gesichtchen mit den vorstehenden Lippen und dem deutlich gezeichneten Schnurrbärtchen auf beide Arme gestützt.

Sofja Petrowna horchte auf die Laute hinter der Wand, dann horchte sie auf das Klavierspiel, das heute wie allabendlich über ihrem Kopfe tönte; dort wurde die Melodie einer Masurka gespielt; nach ihr hatte sie schon als zweijähriges Kind lachend mit ihrer Mutter getanzt. Durch die alten, ahnungslosen Töne legte sich Sofja Petrownas Zorn, verwandelte sich in Müdigkeit, in Apathie; sie begann sich über den Mann zu ärgern, in dem sie selbst die Eifersucht, wie sie es nannte, gegen den Andern geweckt hatte. Sofja Petrowna sah plötzlich ein, daß ihr Mann mit dem ganzen Vorfall nichts zu tun hatte; dieser Vorfall sollte ein Geheimnis zwischen ihr und dem Andern bleiben. Die Hinzuziehung des Gatten gestaltete die Angelegenheit in eine für sie beleidigende Form: Ssergeij Ssergeijewitsch würde aus diesem Geschehnis sicher ganz unzutreffende Schlüsse ziehen; vor allem würde er das Ganze keinesfalls verstehen: weder ihre süß-bangenden Gefühle noch die Verkleidungskomödie des Andern. Sofja Petrowna horchte auf die Töne der alten Masurka und auf das peinliche Geräusch hinter der Wand; aus der Fülle der schwarzen Haare blickte geängstigt das perlenfarbige Gesichtchen mit den dunkelblauen, jetzt matt schimmernden Augen.

Plötzlich fiel ihr Blick auf ihren Toilettenspiegel; dort lag der Brief, den sie ihm auf dem Ball übergeben sollte (sie hatte diesen Brief ganz vergessen). Im ersten Augenblick beschloß Sofja Petrowna, das Schreiben am nächsten Tag an Warwara Ewgrafowna zurückzusenden. Wie durfte man es wagen, sie mit Aufträgen an ihn zu belästigen! Sie würde ihn ohne Zweifel zurückschicken, wenn sich nicht ihr Mann in die Angelegenheit gemischt hätte (wenn er doch endlich einschlafen würde!); jetzt ärgerte sie sich über die Einmengung anderer, während sich in ihr ein Gefühl des Protestes erhob: schließlich war es ihre persönliche Angelegenheit, und sie hatte auch das vollständige Recht, den Brief zu öffnen, um den Inhalt zu erfahren; wie wagte er es überhaupt, Geheimnisse vor ihr zu haben?). Mit einem Sätze war Sofja Petrowna am Tischchen; doch kaum hatte sie den Brief in Händen, als sie ein wütendes Flüstern hinter der Wand vernahm.

»Was haben Sie?«

Hinter der Wand antwortete man ihr:

»Nichts . . . nur so . . .«

Das Bett krachte, dann wurde alles still. Mit zitternder Hand brach Sofja Petrowna das Kuvert auf . . . und je weiter sie las, um so größer wurden ihre Augen. Der matte Ausdruck verschwand aus ihnen und verwandelte sich in schimmernden Glanz: das blasse Gesichtchen bekam erst das Rosa der Apfelblätter, dann wurde es rosarot und schließlich, als sie mit dem Lesen fertig war — einfach purpurn.

Jetzt war Nikolai Apollonowitsch ganz in ihrer Hand; sie erbebte bei der Vorstellung an den furchtbaren Schlag, den sie ihm jetzt für ihre zweimonatige Qual versetzen konnte; von diesen, ihren Händchen würde er diesen Schlag bekommen. Er hatte sie durch eine dumme Maskerade erschrecken wollen; doch dieselbe mißlang ihm und wurde zu einer Reihe von Blödigkeiten; nun sollte er jetzt das sühnen, was er in ihr hervorgerufen hatte! Ja, ja, ja: sie würde sich rächen durch die einfache Übergabe des geöffneten Briefes von so furchtbarem Inhalt. Einen Augenblick lang empfand sie Schwindel vor dem Weg, den sie, verleitet durch den roten Domino, betrat. Doch mag es geschehen: mag es der blutige Weg für den blutigen Domino werden!

Die Tür knarrte: Sofja Petrowna hatte kaum Zeit, den Brief zu verbergen, als sich auf der Schwelle ihr Gatte zeigte; er war ganz in Weiß: in weißem Hemd und Unterhose. Das Erscheinen eines ihr völlig fremden Menschen in so ungenierter Weise versetzte sie in Wut.