Petersburg verkroch sich in die Nacht.
Wer erinnert sich nicht des Abends vor der ereignisvollen Nacht? Wer erinnert sich nicht des traurigen Hinscheidens dieses Tages?
Die riesengroße Purpursonne lief über der Newa dahin, um sich dann hinter den Fabrikschloten zu verbergen: die Petersburger Häuser überzogen sich mit einem feinen Dunstschleier, zerflossen gleichsam und verwandelten sich in eine leichte, amethystgraue Spitze; die Fensterscheiben warfen allerorts einen goldigflammenden Schein, und die hohen Turmspitzen leuchteten rubinenrot. Alles, was sonst schwerfällig hervorstach: die Vorsprünge der Mauern, die Karyatiden an den Eingängen, die steinernen Balkons, verloren sich in der brennend roten Flammenhaftigkeit.
Blutrünstig grell lag das rostrote Palais da: dieses alte Palais wurde noch von Rostrelli erbaut; ein zarter, hellblauer Mauerkörper, umgeben von einer Schar weißer Säulen, stand damals das Palais; bewundernd pflegte einst die Kaiserin Elisabeth, Peters Tochter, das Fenster zu öffnen, um in die Newafernen zu blicken. Zur Zeit Alexanders I. war das alte Palais mit fahlgelber Farbe bestrichen; unter Alexander II. wurde es wieder renoviert, und von da ab behielt es seinen rostroten Farbenton, blutigrot gegen Westen.
An diesem ereignisreichen Abend flammte alles und alles, und so flammte auch das Palais; alles andere aber, was nicht von dem Schein erfaßt war, versank, langsam, in Dunkel; langsam in Dunkel versanken die Reihen der Linien und Wände, indessen dort auf dem erlöschenden lila Himmel in den Perlmutterwölkchen sich langsam sprühende Feuerchen entzündeten; langsam, langsam leichte duftige Flämmchen aufhüpften.
Du würdest gesagt haben, dort erblickte man die Abendröte der Vergangenheit.
Eine Dame von kindlicher, nicht allzu großer Gestalt, ganz in Schwarz, die an der Brücke dort die Droschke verlassen hatte, wandelte schon seit geraumer Zeit vor den Fenstern des gelben Hauses; etwas seltsam zitterten ihre Hände. Die rundliche Dame war im vorgerückten Alter und sah aus, als litte sie an Asthma; ihre rundlichen Finger griffen immerzu nach dem Kinn, das erheblich über dem Kragen hervorhing und einzelne graue Härchen zeigte. Vor den Fenstern des gelben Hauses stehend, nahm sie plötzlich mit der zitternden Hand und einem ihrem Alter unentsprechend raschen Griff ein Spitzentaschentuch aus dem kleinen Handtäschchen heraus, wandte sich gegen die Newa und begann zu weinen. Die untergehende Sonne beschien dabei ihr Gesicht, und auf ihrer Oberlippe zeichnete sich deutlich das Schnurrbärtchen; sie legte ihre Hand auf einen Stein und sah mit kindlichem, nichts sehendem Blick in die nebelhafte, vielschlotige Ferne und die Tiefe des Wassers.
Endlich näherte sich die Dame erregt dem gelben Haus und läutete.
Die Tür ging auf; ein betreßter Greis streckte durch die Öffnung seinen kahlen Schädel vor und zwinkerte mit den träumenden Äuglein in den gelben Glanz des Newasonnenuntergangs.
»Sie wünschen?«