Ja, Mawruscha . . .


Wie schrecklich ist die Lage eines harmlosen, eines normalen Menschen: sein Leben hängt an einer Anzahl gewöhnlicher Gebrauchswörter, an dem Faden ganz durchsichtig klarer Handlungen, von diesen Handlungen geleitet, segelt er in die Ferne, einem Fahrzeug gleich, wohl ausgerüstet mit absolut — ausreichenden Worten und Gesten; läuft aber dieses Fahrzeug auf einen verborgenen Felsen der Lebensunverständlichkeiten auf — so zerschellt es, und der einfältige Segler sinkt im Nu auf den Grund des Meeres . . . Beim kleinsten Stoß des Lebens verlieren Normalmenschen die Fähigkeit des Verstehens. Nein, kein Wahnsinniger kennt die Gefahren für das Hirn, die für den Normalen bestehen: das Hirn der Abnormen ist vielleicht aus leichterem Ätherstoff geschaffen. Für das normale Hirn gibt es völlig undurchdringliche Dinge, die dem kranken Hirn ohne weiteres klar erscheinen: dem normalen Hirn bleibt nichts übrig, als sich zu zerstören; und es — zerstört sich.

Seit dem gestrigen Abend empfand Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin die schärfsten Schmerzen im Kopf, wie wenn er im Laufen mit der Stirn gegen eine eiserne Mauer gestoßen wäre; und während er vor der Mauer stand, sah er, daß es gar keine Mauer gab, daß sie nicht undurchdringlich war und daß es dort, hinter ihr, ein unsichtbares Licht gab; daß es dort eigene Gesetze des Sinnlosen gab; wie es hinter den Mauern einer Wohnung Licht gab . . . Hier brummte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin etwas und schüttelte den Kopf; er fühlte ein intensives, ihm selbst verborgenes Arbeiten des Hirns . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin brummte wieder etwas und dann wieder: er schüttelte wieder und wieder den Kopf: seine Gedanken verwirrten sich vollständig. Er hatte seine Betrachtungen mit der Analyse der Handlungen seiner untreuen Gattin begonnen und endete damit, daß er sich selbst auf Häßlichkeiten ertappte.

Was also nun? Seit dem gestrigen Abend begann es: es kroch heran, zischte; was ist dieses Es? — Warum kam es? Außer der Verkleidung Nikolai Ableuchows gab es nichts, was zu beanstanden wäre . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch, ein einfach gutmütiger Mensch, stieß mit dem Kopf an die Mauer: aber durch sie sehen, hinter ihre spiegelnden Flächen — das vermochte er nicht: hatte er nicht, wenn auch nur vor seiner Frau — das ehrliche Offizierswort gegeben, sie nicht wieder ins Haus zu lassen, falls sie zum Ball gehen würde?

Was also tun? Was tun?

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin kam in Aufregung und begann, immer von neuem, Streichhölzer zu reiben; rotbraune Flämmchen zuckten auf; rotbraune Flämmchen beleuchteten das Gesicht eines Wahnsinnigen; voll Unruhe blickte er auf die Uhr: zwei Stunden waren vergangen, seit Sofja Petrowna fortgegangen war — zwei Stunden, das heißt hundertundzwanzig Minuten; jetzt begann er zu rechnen, wie viele Sekunden es waren.

»Sechzig multipliziert mit hundertzwanzig . . . Sechzig mal einhundert . . .«