Wenn es die Absicht der Persönlichkeit war, Dudkins Gedanken von der Spur, die ihn auf die wirklichen Motive ihres Benehmens bringen konnte, abzulenken, dann hat sie dieses Ziel durch die Nachricht von der Zerstörung der sehr wichtigen Organisation in T. T. völlig erreicht; diese Nachricht traf wie ein Blitzstrahl den schwachen Alexander Iwanowitsch:
»Herr Jesus Christus!«
»Jesus Christus!« — höhnte die Persönlichkeit, »Sie haben jedenfalls früher davon gewußt als wir alle . . . Wir wollen es aber, ehe die Sache nicht unwiderleglich erwiesen ist, auf sich beruhen lassen. Häufen Sie jedoch die Verdachtsmomente nicht: sprechen Sie kein Wort von der Ableuchowaffäre.«
Alexander Iwanowitsch schien in diesem Augenblick sehr idiotisch ausgesehen zu haben, denn die Persönlichkeit fuhr fort zu lachen und ließ dabei in aufreizender Weise den schwarzen Schlund zwischen den Reihen der Zähne sehen: genau so aufreizend gähnt der Schlund im Gesicht eines abgehäuteten Kadavers.
»Tuen Sie nicht so, mein Lieber, als wäre Ihnen die Rolle Ableuchows unbekannt gewesen; und als ob Sie nicht wüßten, daß ich ihn durch den gegebenen Auftrag dafür strafen wollte; tuen Sie doch nicht, als wüßten Sie nicht, wie dieser schuftige Kerl seine Rolle gespielt hat: ich gestehe, er hat es geschickt gemacht; seine Rechnung war gut — die Rechnung auf allerlei Sentiments und Charakterschwächen, wie zum Beispiel Sie es zu verkörpern geruhen.«
Mit dem Vorwurf der Charakterschwäche schien die Persönlichkeit einen Teil der Schuld von Alexander Iwanowitsch nehmen zu wollen und sich so in gewissem Grade weichen Gefühlen zugänglich zu zeigen; das hatte bewirkt, daß sich Alexander Iwanowitsch in der Tat wie von einer Last befreit fühlte und daß er es nun bereits versuchte, sich einzureden, er habe vorhin die Persönlichkeit falsch beurteilt.
»Ja, die Berechnung war schlau: der edle Sohn haßt seinen Vater und ist bereit, diesen ins Jenseits zu befördern; inzwischen treibt er sich unter uns herum, hält Referate und ähnliches Zeug; sammelt nebenbei Dokumente und wartet, bis er ihrer genügend besitzt, um sie — seinem verehrten Vater zu unterbreiten . . . Und dabei fühlen sie sich alle von dieser Schlange in sonderbarer Weise angezogen . . .«
»Aber, Nikolai Stepanowitsch, er hat . . . er hat geweint . . .«
»Geweint . . . Und das hat Sie in Erstaunen versetzt? . . . Sie sind doch ein eigentümlicher Kauz: Tränen — das ist ja etwas ganz Übliches bei den Verrätern aus der Intelligenz; ein gebildeter Verräter glaubt selbst an die Aufrichtigkeit der Tränen, die er vergießt; und vielleicht bedauert er es auch in diesem Augenblick, daß er Verräter geworden ist; aber uns nützen diese Tränen nicht im geringsten . . . Sie, Alexander Iwanowitsch, weinen doch auch jetzt . . . Natürlich will ich nicht damit sagen, daß auch Sie ein Schuldbelasteter sind . . .«
Und das war ja eine Lüge, denn soeben noch hatte die Persönlichkeit von einer solchen Schuld gesprochen; diese offenbare Lüge erfüllte Alexander Iwanowitsch für einen Augenblick mit unendlichem Grauen; durch sein Unterbewußtsein flog es wie ein Blitz: »Hier wird dir ein Handel vorgeschlagen: du wirst aufgefordert, eine niederträchtige Verleumdung als wahr hinzunehmen und mit diesem Preis eine Verleumdung deiner eigenen Person abzuwehren« . . . Doch blitzte es eben nur im Unterbewußtsein auf, denn die Wahrheit voll zu sehen hinderte die gegen den Tisch geneigte, schmale Stirn der Persönlichkeit, die bedrückende Atmosphäre eines nahenden Verhängnisses, das Flimmern in den kleinen Äuglein und das »So, soo, Vä—terchen« . . . Und Dudkin begann bereits zu glauben, daß er der Verleumdung glaube.