Dann befreite er sich aus der leichten Umarmung seiner Schwester und blickte nach der Villa. Das Gebäude lag im Dunkel; plötzlich aber flammte Licht hinter einem Fenster auf. Die Geschwister beobachteten es atemlos, und nach einer Weile sagte Maria: »Es ist weiß wie das Licht der Sonne.«
Darauf Stephan: »Ja, ich kenne es. Wir hatten es in Innsbruck in der Schule und bei der Kostfrau, wo ich zuerst wohnte.«
Sie nickte auf seine Worte und fragte nach einer Pause:
»Warum bist du eigentlich nicht Geistlicher geworden? Hattest du keine Freude am Lernen?«
»Erstens. Und zweitens, weil ich einmal einem Mitschüler ein paar Rippen brach. Ich hatte natürlich nichts Schlechtes im Sinne, sondern wollte ihn nur ein wenig drücken ... aus plötzlicher Freude, weißt du, weil nach langer Regenzeit auf einmal die Sonne durch die Fenster auf die Bänke schien. Das machte mich so froh, ich kann dir nicht sagen wie froh, und ich legte meinen Arm ein wenig um meinen Nachbar. Der aber wurde leichenblaß, schrie auf und sank zurück, als wäre er tot. Den Schreck, den ich damals erlebte, werde ich nie vergessen ... Seit diesem Tag grüßten mich die Lehrkörper immer zuerst, solche Angst hatten sie vor meiner Stärke ... Ich aber dachte dann viel an die heilige Hostie, die der Priester bei der Messe in die Höhe heben muß, und träumte oft, ich hätte den lieben Herrgott mitten entzweigebrochen. Es fing auch wieder zu regnen an, und wenn es regnete, fiel mir das Lernen immer schwerer als sonst ... Aber du mußt nicht denken, daß ich ein Faulenzer war. Es gab nur gewisse Dinge, die mir durchaus nicht in den Kopf wollten. Rechnen zum Beispiel. Am liebsten wäre ich Altertumsforscher geworden. Ja, dazu hätte ich Lust und vielleicht auch Talent gehabt. Aber unser Vater hätte so etwas nie erlaubt. Nach seinen Begriffen gab es nur zwei ehrenvolle Stände: Geistlicher oder Bauer.«
»Und was war dann weiter?«
»O, ich weiß es nimmer. Die Professoren tuschelten, so oft sie mich sahen, und einmal schrieben sie an Vater. Er kam nach Innsbruck, und sie hatten mit ihm lange, geheime Unterredungen. Darauf nahm er mich heim.«
»Und ich weiß noch genau den Tag, an dem du gekommen bist. Unsere Mutter weinte den ganzen Abend, weil sie dachte, du würdest sicher sterben, weil du gar so mager warst ... und weißt du noch, wieviel du damals gegessen hast?«
»Und weißt du noch, wieviel du damals gekocht hast? Es wäre schade gewesen um die guten Sachen.«
Sie lachten und schritten engumschlungen zurück über den Hof. Plötzlich erschien im Rahmen der offenen Küchentür die Bäuerin mit einem Licht in der Hand und hielt Ausschau nach ihren Kindern. Da lösten Stephan und Maria schnell die Arme voneinander, weil sie sich vor der Mutter schämten, daß sie sich so liebhatten, und schritten hintereinander in das Haus.