»Ich weiß es nicht ... aber wenn ich Therese wäre, würde ich ihn nicht heiraten.«
Dann wischte sie sich die Tränen aus den Augen und blickte auf die beiden Mädchen, um zu sehen, wie sie das aufnahmen. Therese stand still beim Bett, und Maria lehnte sich gegen einen Stuhl. Sie hatte einen Augenblick das Gefühl, als ob sie schwanke, hielt sich aber aufrecht und sagte fest: »Meinst du wegen dem Fluch?«
Endlich war es heraus. Den ganzen Winter hatte es zwischen ihnen gelegen, und keines hatte gewagt, darüber zu reden. Endlich heute ... Maria hatte es gut gemeint. Ohne Scheu, ohne Rücksicht, ohne Ängstlichkeit, glaubte sie, müsse man darüber reden ... es sich ausreden. Nun es aber gesagt war, erschrak sie aufs tiefste ... wollte alles ungesagt machen ... das gräßliche Wort zurückholen. Aber es hing schon in der Luft, flatterte schon durch die Stube. Die Mutter hatte es schon gehört, denn sie bejahte schluchzend, und Therese mußte es auch gehört haben. Langsam wandte Maria den Kopf nach ihr. Die stand noch immer beim Bett, ruhig wie vorher. Als aber die Bäuerin jetzt laut zu beten begann, Gebete gegen den Teufel und gegen die Zauberei, trat Therese vor. Im starren, schwarzen Seidenkleid, Gesicht und Hände blaß, sagte sie mit schweren, zwingenden Lauten: »Ich habe den ganzen Winter Kerzen geopfert.« Sie errötete vor Scham über das Geständnis, gleich aber nahm ihr Gesicht die vorige Ruhe und Blässe wieder an, und sie schritt ihrem Bräutigam entgegen, den sie durch das Fenster über den Hof kommen sah.
Als sie von der Trauung zurückkehrten, blieben sie nun aber nicht mehr lange, denn sie mußten zu Fuß in das neue Heim. Der Weg dorthin ging steil bergab und war nicht fahrbar. Die Bäuerin verabschiedete sich von den Neuvermählten im Zimmer, aber Stephan und Maria begleiteten sie bis an das Tor. Dort blieben sie dann noch stehen und schauten den zweien nach. Als sie so weit waren, daß man sie nicht mehr sehen konnte, blickte Stephan hinüber zu dem Berg, wo Therese fortan leben sollte. Düster und stolz, ein wenig wie Therese selbst, schied er sich von den andern Bergen und trug wie eine Krone den Hof an seiner Spitze. Maria lehnte indessen still beim Tor. Sie dachte an die Försterei in Kampenn und an Förstereien im allgemeinen und kam zu dem Entschluß, daß es auch in kleinen Förstereien schön zu leben sein müsse, wenn man nur das Zeug in sich hat, zufrieden zu sein ... Stephan merkte plötzlich ihre Versonnenheit, und mit einem Male war ihm, als ginge Maria denselben Weg, den Therese eben ging, mit einem Mann an ihrer Seite ...
Mißtrauen und Eifersucht quoll in seinem Herzen auf, aber er beherrschte sich, und zum erstenmal an diesen Gegenstand rührend, fragte er wie im Scherz: »Nun, und du, Maria?«
Darauf fuhr sie zusammen, wurde rot und verlegen, faßte sich aber rasch und sagte schlagfertig: »Nun, und du, Stephan?«
Da wurde sein Gesicht, das so lebhaft jede Regung seiner Seele spiegelte, noch ernster als vorher, und nach einem sinnenden Schweigen sprach er: »Du weißt ja, Maria, daß wir immer davon geredet haben, beisammen zu bleiben.« Nun drückte Maria, wie ihn zu besänftigen, ihre weichen Wangen an den rauhen Ärmel seines Gewandes und sagte, wie ihn auf andere Gedanken zu bringen, zögernd, einschmeichelnd und voll süßer Schelmerei: »Weißt du schon, Stephan, daß seit gestern Leute in der neuen Villa wohnen? ... Nicht? ... O, du hättest sehen sollen, was für prachtvolle Dinge man hineingeschafft hat. Feine, große Schränke, Spiegel mit breiten, goldenen Rahmen, Waschtische mit Marmorplatten, Stühle mit rotsamtenen Überzügen ... und dann an allen Fenstern ... hast du die Vorhänge nicht gesehen? ... sie sind aus himmelblauer Seide.«
Stephan, leicht getäuscht wie alle harmlosen Naturen, merkte ihre Absicht nicht und fragte interessiert: »Und Leute hast du auch gesehen, Maria?«
»Ja, Stephan. Eine alte Frau und einen alten Mann. Aber ich glaube, das sind nur Bedienstete. Wahrscheinlich aber kommt die Herrschaft schon diesen Sommer.«
»Wahrscheinlich.«