»Ja ... Nein ... das heißt ...« der Angeredete wickelte bedächtig an seiner großen Zigarre, »die Herrschaften sprechen von einem Mord. Ein Mord kann aber nur sein, wo Leben ist. Wohlverstanden, Leben. Ich habe vor dem Worte Leben einen hohen Respekt. Es bedeutet für mich vor allem die Fähigkeit zur Freude; dann alles, was stark ist, gesund ist und die Bürgschaft liefert, daß es diese Eigenschaften fortpflanzen kann und fortpflanzen wird ... Bringen Sie mir einen unheilbaren Kranken, der auch nur eine dieser Eigenschaften besitzt, und ich gebe Ihnen recht.«
»Und was ist Ihre Meinung in der Sache, Herr von Rotenau?«
»Einen Augenblick!« rief Frau von Kletten und riß nervös an ihrem kostbaren Halsband, »in der englischen Zeitung stand wieder ein so hübscher Artikel über die Frauenfrage. Hat ihn jemand gelesen?«
Aber niemand beachtete sie. Aller Augen waren auf Hugo von Rotenau gerichtet, der über die Köpfe der Anwesenden hinweg durch das offene Fenster auf die Berge blickte, die sich in schweren, schwarzen Linien vom Firmamente hoben. Dann sagte er: »Meine Meinung ist, daß nicht nur alle unheilbaren Kranken, alle Lahmen, alle Blinden, sondern auch alle Häßlichen vertilgt werden sollten.
Meine Meinung ist, daß eine schiefe Nase, ein dicker Hals, ein kurzes Bein Fehler der Natur sind und daß diese Fehler weggeschafft werden müßten, wie die Fehler der Menschen weggeschafft werden müßten.
Meine Meinung ist, daß nur vollkommen schöne und vollkommen gesunde Menschen lebensberechtigt sind, alle andern aber weggeräumt werden sollten, wie man etwa ein mißlungenes Bild aus einer guten Sammlung räumt, oder eine widerwärtige Raupe von einer schönen Blüte streift, denn,« und er hob sein Glas wie zu einem Trinkspruch, »schön ist das Leben. Aber tausendmal schöner würde es sein, wenn es von dem Menschen, den ich jetzt im Sinne habe, gelebt würde.
Dieser Mensch würde das Ideal der Denker und Philosophen sein. Dieser Mensch würde eine Gleichheit und eine Harmonie auf die Erde bringen, wie sie sich unsere Sinne, die an Krasses und Häßliches gewöhnt sind, nicht vorstellen können.
Dieser Mensch würde einen Jubel auf die Erde bringen, wie ihn bisher nur die Dichter in erlesenen Stunden kannten.
Dieser Mensch würde die wahre Liebe auf die Erde bringen, weil man ihn sofort, ohne Rückhalt und ohne Überwindung lieben müßte ...«
Als er schwieg, herrschte eine peinliche Stille. Es gab viele unter der Gesellschaft, die so strengen Gesetzen nicht hätten standhalten können und sich insgeheim wunderten, daß er so rücksichtslos sein konnte. Aber Hugo von Rotenau selbst hob den Eindruck, den seine Worte hervorgerufen hatten, indem er ganz zu vergessen schien, worüber soeben die Rede war, und fragte: