»Mit einer Geschichte? ... O bitte!«

Sie verlangsamte ihre Schritte und sah auf ihn, erwartungsvoll. Stephan freute sich wie ein Kind und begann die Geschichte in der Redeart, wie er sie in Innsbruck gelernt hatte.

»Vor langer Zeit lebte dort unten ein sehr reicher Ritter mit seiner Frau und seinem einzigen Sohn. Plötzlich brach im Lande Krieg aus, und der Ritter mußte fort. Ehe er aber gegen den Feind auszog, ließ er zwei große, hohle Kugeln gießen und füllte sie heimlich mit den besten Kostbarkeiten, die er besaß. Viel Gold und Silbergeschirr wanderte da in den Leib der Kugeln, und so schwer wurden sie, daß nur ein vierpaariges Ochsengespann sie von der Stelle brachte. Als die beiden Kugeln geschlossen waren, gab der Ritter Befehl, sie zu Seiten des großen Tores aufzustellen. Nachdem er in dieser Weise seine Schätze geborgen hatte, nahm er Abschied von den Seinen und verließ die Burg. Viele Jahre vergingen nun, ohne daß er wiederkam. Seine Frau betrauerte ihn schon als tot und schenkte ihre ganze Liebe ihrem Sohn, der zum stattlichen Jüngling heranwuchs. Eines Tages erschienen im Schloß Abgesandte der Stadt Bozen und baten um Spenden für eine Glocke, die sie gießen lassen wollten. Als der Jüngling gehört hatte, worum es sich handle, sagte er schnell: ›Vor unserem Schloß liegen zwei große, schwere, metallene Kugeln, die ihr als Glockenspeise haben möget. Ob sie da draußen nutzlos liegen oder auf eurem Turm das Ave Maria läuten, ist wohl dasselbe.‹ Darauf ließ er die Kugeln ins Tal hinabschaffen, und bald tönte mit wunderbar reinem Klang allabendlich eine Glocke durch das Land.

Nun geschah es aber, daß eines Tages ein bestaubter Fremder in das Schloß kam, und die Burgfrau erkannte mit unendlicher Freude ihren Gemahl. Darob herrschte großer Jubel im Schloß, nur der Burgherr selbst blieb düster, und als er den nächsten Tag mit seinem Sohn allein war, fragte er plötzlich:

›Wo aber sind die beiden Kugeln, die ich vor dem Tore aufstellen ließ?‹ Darauf der Jüngling: ›Die Stadt unten brauchte so notwendig eine Glocke. Da gab ich ihnen die beiden Kugeln ... und o Vater, eine wunderbare Glocke wurde daraus.‹

Kaum aber hatte er ausgeredet, wurde sein Vater bleich vor Zorn, griff nach seinem Schwert, und schrie: ›Das sollst du mit dem Leben büßen, du wahnwitziger Knabe du!‹

Der Jüngling erschrak, faßte sich aber rasch und sagte:

›Tötet mich, Vater, wenn es sein muß. Aber erlaubt, daß ich vorher ein Vaterunser bete.‹

Und weil der Ritter schweigend nickte, begann er leise und inständig sein Gebet. Als er zu Ende war, entblößte er selbst die Brust und bog den Kopf. Aber gerade, als der Ritter das blitzende Schwert in die Höhe hob, ertönte plötzlich die Glocke, und so süß und mächtig war ihr Ton, daß dem Ritter das Schwert aus den Händen fiel und Tränen in die Augen traten. Er hob den dankbar staunenden Jüngling vom Boden auf, umarmte, küßte ihn und führte ihn der Mutter zu.

Der Ritter und sein Sohn sind längst tot; das Schloß ist auch schon arg verfallen, aber die Glocke besteht noch immer, und ihr Ton ist der reinste im Land.«