| Vom Volke nahm ich's, |
| Dem Volke geb' ich's .. |
| Angela Langer |
Meine Eltern hatten einen kleinen Laden und eine ganz kleine Wohnung dabei. In dem Laden lagen viele Sachen, wie Kerzen, Seifen, Bürsten und noch anderes, das mir ungeheure Achtung einflößte. Wenn Weihnachten herannahte, erhielt mein Vater jedesmal eine gewaltige Kiste, deren Auspacken mein größtes Glück war. Oft verschob mein Vater diesen feierlichen Akt, und in meiner Ungeduld mahnte ich ihn manchesmal daran. Wenn er dann endlich eines Morgens erklärte, er würde heute die Kiste öffnen, stand ich schon lange, bevor er sich wirklich daranmachte, mit einem Hammer und einer Zange in den Händen um ihn herum und konnte meine Ungeduld kaum zügeln.
Mit größter Spannung beobachtete ich dann, wie mein Vater das Stemmeisen zwischen die Kiste und den Deckel preßte, um die Nägel zu lockern, wobei er den Deckel oft sprengte. Unter diesem lag gewöhnlich eine dichte Schicht fein geschnittener Papierschnitzel und darunter wieder waren die kleinen Kästen, die allerhand Figuren aus Zucker oder Schokolade enthielten. Beim Auspacken fand sich dann oft etwas Zerbrochenes vor, wie ein Reiter, dem der Helm abgeschlagen worden war, ein Fähnrich, der seine Fahne verloren hatte, oder eine andere Gestalt, der Arm oder Bein fehlte. Von diesen zerbrochenen Stücken gab mir mein Vater oft das eine oder das andere, aber ich bezähmte meine Sehnsucht, die Sachen sogleich zu verzehren. Ich suchte mir einen kleinen Zweig oder sonst etwas, das wohl mit sehr viel Einbildung einen Christbaum vorstellen konnte, hängte den zerbrochenen Engel oder den verunglückten Reiter daran, um dann mit vielem Bedacht ein Stück nach dem andern herunter zu essen. Mein Bruder half mir in allen diesen Dingen, besonders im Essen.
Ich erinnere mich eines Weihnachtsabends. Ich zählte ungefähr fünf Jahre, mein Bruder vier, als ich eine ganz kleine hölzerne Puppe bekam, die mich ungemein erfreute. Sie hatte kein Haar und konnte sich auch nicht viel bewegen, doch das merkte ich damals kaum. Ich saß auf dem weißgescheuerten Fußboden und spielte glückselig mit ihr. Mein Bruder hatte ein kleines Messer mit einer Klinge, wie man sie in unserer Gegend zum Weintraubenschneiden benutzt, erhalten und war sehr stolz darauf.
Den nächsten Morgen saßen wir beide in unseren Hemdchen auf dem großen Tische, der mitten im Zimmer stand, und meine Mutter war daran, uns zu waschen. Sie hatte irgend etwas aus der Küche zu holen, und während sie draußen war, sagte mein Bruder, daß meine Puppe nicht schön sei, worauf ich erwiderte, daß sein Messer nicht schneide. Daraufhin frug er mich, ob er es an meinem Beine probieren solle. Ich erlaubte es sofort, worauf er das Messer unter meinem Knie ansetzte. Im nächsten Augenblick zeigte sich ein roter Streifen, und das Blut floß über das weiße Tuch, auf dem wir saßen. Ich glaube, mein Bruder war etwas erschrocken, doch nicht genug, um nicht triumphierend über meine vorherige Behauptung, das Messer schneide nicht, zu lachen. Sobald ich aber das Blut bemerkte, fing ich sehr zu weinen an, worauf meine Mutter hereinkam und erschreckt mein Bein in der Waschschüssel wusch. Nachdem das Blut gestillt war und ich mich beruhigt hatte, nahm sie meinen Bruder vom Tische herab und prügelte ihn mit einer Rute, die das Christkind am Vorabend gebracht hatte.
Eines Tages wurden alle unsere Möbel aus der Küche und dem Zimmer geschafft und auf einen Wagen geladen. Als alles fort war, nahm meine Mutter mich und meinen Bruder bei der Hand und ging mit uns in ein anderes Haus, wo wir gleich beim Eintritt unsere alten Möbel erkannten. Es war schon ziemlich spät, meine Mutter gab uns unser Abendbrot und legte uns schlafen.
Am nächsten Morgen waren wir beide, mein Bruder und ich, sehr beschäftigt. Wir liefen in den Hof hinaus und fanden zu unserem größten Entzücken, daß mitten durch diesen ein Bach floß, über dem ein ganz schmales, zur anderen Seite führendes Holzbrett lag. Mein Bruder machte zuerst den Vorschlag, hinüberzugehen. Ich fürchtete mich zwar, doch wünschte ich mich auch hinüber, und so hielt ich mich an seinem kurzen Röckchen fest, als wir sehr langsam, aber auch sehr entschieden den schmalen Steg überschritten. Auf der anderen Seite war es sehr schön. Der Boden war zwar auch mit Steinen gepflastert, doch standen in einer Ecke einige Blumen, die mir wunderbar vorkamen. Sie hatten lange Stiele mit vielen Blättern, länglichen glockenartigen Blüten, deren Farbe mich an gestoßenen Zimt erinnerte, wie ich ihn oft in dem Laden meines Vaters gesehen hatte. Das wunderbarste aber war, und das fand ich erst später aus, daß die Blüten sich gegen Abend schlossen und am Morgen wieder öffneten.
Es waren Feuerlilien.
Diese Ecke mit den Blumen spielte von nun an in meinem Dasein eine große Rolle. Während mein Bruder sich mit dem Fangen von Fliegen beschäftigte oder ein kleines Papierschiffchen im Bache so lange schwimmen ließ, bis es entweder davonschwamm oder zerriß, saß ich mitten unter den Lilien und konnte mich nicht satt daran sehen.