Sie gehörten aber nicht uns, sondern einer anderen Partei, die in demselben Hause wohnte, und nur diesem Umstande hatte ich es zu verdanken, daß mein Bruder sie nicht ausriß. Ich selbst hätte sie wohl kaum gepflückt, denn die Freude, sie am Abend geschlossen und am Morgen wieder offen zu sehen, war zu groß.

Einmal als wir beide wie gewöhnlich im Hofe spielten, erschien plötzlich unser Vater und rief uns zu sich. Wir waren erstaunt, ihn zu sehen, da er das Geschäft meist nur des Abends verließ, und wir dann schon gewöhnlich im Bett lagen.

Er sagte, daß wir eine kleine Schwester bekommen hätten. Die Freude hierüber war groß. Wir liefen sofort ins Haus; doch das kleine Wesen, das meine Mutter so behutsam anfaßte, flößte uns keinerlei Respekt ein, und besonders mein Bruder machte sich nichts daraus. Es war viel zu klein, um uns irgendwie bei unseren Spielen nützen zu können; sicher wäre es unmöglich gewesen, es über die Brücke zu bringen. Der Vorfall hatte also für uns nichts zu sagen, und es blieb alles beim Alten. Mein Bruder und ich waren nach wie vor unzertrennlich und ich glaube einander unentbehrlich.

Die Zeit kam allmählich heran, wo ich zur Schule zu gehen hatte. Ich freute mich sehr mit der Schultasche wie mit dem einen geheimnisvollen Buche, mit der Schiefertafel und dem Schieferstift, der zur Hälfte mit einem schönen roten Papier umwunden war. Meine Mutter nahm mich am festgesetzten Tage selbst zur Schule, und zum ersten Male in meinem Leben ging ich irgendwo hin, wo mein Bruder nicht mitgeben konnte und durfte. Ich war ungemein stolz darauf. Das große Schulhaus erweckte in mir ein Gefühl scheuer Ehrerbietung. Meine Mutter brachte mich bis zur Tür meiner Klasse und kehrte dann nach Hause zurück, nicht ohne mir vorher eingeschärft zu haben, ja recht brav zu sein.

Ich fand in der Schulstube viele Mädchen meines Alters vor und war ganz starr vor Staunen. Mein Platz war in einer der ersten Bänke. Neben mir saß ein Mädchen, die Tochter eines der Lehrer.

Sie hieß Hilda, und ich fand sie sehr schön. Die Tatsache, ein so vornehmes Mädchen wie die Tochter eines wirklichen Lehrers zur Nachbarin zu haben, machte mich ganz stumm, und ich wagte kaum aufzusehen. Diese Schüchternheit verlor sich aber sehr bald. Hilda sprach mich zuerst an, und beim Nachhauseweg erzählte sie mir, daß sie auch eine Lehrerin werden würde. Neben diesem Mädchen saß die Tochter eines Bäckers, die Leopoldine hieß und später ebenfalls meine Freundin wurde.

Mein Leben wurde nun ein ganz anderes. In der Schule verabredeten wir gewöhnlich, wo und wann wir uns am Nachmittag treffen würden, und jeder Tag wurde für mich ein Ereignis. Manchesmal kamen meine neuen Freundinnen auch zu mir, dann spielten wir im Hofe, und ich zeigte ihnen mit großem Stolze meine Lilien, die sie aber, glaube ich, wenig oder gar nicht interessierten. Dagegen fanden sie viel Vergnügen daran, in dem kleinen Bache herumzufischen oder auf die Mauer zu klettern, die den Hof begrenzte. Gewöhnlich war es Leopoldine, die mich besuchte – Hilda kam nur selten, und, wie ich ganz genau wußte und auch vollkommen würdigte, erlaubten ihr ihre Eltern keine Bekanntschaft. Ich sah sie darum fast nur in der Schule, doch war sie mir die liebste unter meinen Freundinnen.

Noch öfter als zu Hause trafen wir uns aber auf dem Kirchenplatz. Er war mit einem Geländer umgeben und daher ein idealer Ort für alle unsere wilden Spiele. Die Stunden, die wir um den alten Kirchturm verbrachten, waren die schönsten meines Lebens. Mit heißen Wangen und zerzausten Haaren tollten wir dort herum, bis die Siebenuhrglocke läutete. Um diese Zeit sollten wir alle zu Hause sein, und nach einigen hastigen Lebewohl stoben wir nach verschiedenen Richtungen auseinander.

Bei diesen Veranstaltungen war auch natürlich mein Bruder dabei. Hier und da gesellte sich ein anderer kleiner Junge zu uns, und dann kam Karl auch in sein Element. Er hatte Jungens entschieden lieber als Mädchen und schalt uns immer: »dumme Dinger«.

Nach und nach lernte ich verschiedene Leute im Ort kennen. Leopoldine nahm mich eines Tages zu Bekannten, die fast am Ende des Dorfes, gerade unterhalb des Kirchhofes wohnten. Der Mann war Färber und ich fand ihn unendlich interessant. Er hatte einen langen, ganz schwarzen Bart und ganz schwarze Hände, letzteres eine Folge seines Berufes. Die Frau war dick und rund und hatte ein sehr rotes Gesicht. Im Zimmer befand sich ein Glasschrank, der seltsame Figuren aus Porzellan enthielt. Ich meinte, die Sachen wären das schönste, was ich je gesehen hätte.