Am meisten gefiel mir eine vielleicht spannlange Statue der Mutter Gottes. Sie war ganz weiß und nur um den Schleier wand sich ein lichtblauer Streifen. Gewöhnlich gab bei diesen Besuchen die Frau des Färbers uns Brot, einen Apfel oder sonst eine Kleinigkeit. Sie sprach fast immer nur mit meiner Freundin, wenig mit mir. Daraus machte ich mir aber gar nichts. Ich war so glücklich, vor dem Glasschrank sitzen zu dürfen und die Statue der Mutter Gottes anschauen zu können.
Eines Abends geschah etwas Wunderbares. Die Frau sprach wie immer mit Leopoldine, die sich nach Kinderart auf ihrem Stuhl hin und her schaukelte, und ich starrte auf meine Madonna. Sie erschien mir schöner als je. Ich fragte mich eben heimlich, ob ich wohl ebenso schön sein würde, wenn ich gerade so ein Kleid und gerade so einen Schleier mit dem lichtblauen Saum anhätte, als die Frau auf den Schrank zutrat, die Madonna herausnahm und sich damit vor mich hinstellte. Ich zitterte vor Vergnügen. So genau hatte ich sie noch nie gesehen, hatte doch die Glastüre meinen verlangenden Blicken immerhin etwas von dem unmittelbaren Beschauen geraubt. Die Frau hielt nun die Madonna in ihren großen roten Händen, und die heilige Jungfrau schien mir noch weißer als zuvor.
»Weißt du denn etwas von der Mutter Gottes?« frug mich unsere Wirtin. Ich fing an, mich furchtbar zu schämen, da ich dachte, sie müßte gemerkt haben, wie sehr ich die Figur bewunderte und sie mir wünschte. Ich nickte bejahend und sagte, »sie sei die Mutter Jesus.« Und dann geschah das Unfaßbare. »Da,« sagte sie und drückte mir die Statue in die Hände, »Du kannst sie behalten.« – Wie ich damals nach Hause kam, weiß ich nicht mehr, nur eines weiß ich noch, nämlich, daß es acht Uhr war und mich mein Vater mit einer jener verwünschten Weihnachtsruten prügelte, weil ich viel zu spät war.
Ein zweites Schwesterchen hatte sich eingefunden, und ich glaube, die Wohnung wurde zu klein, denn eines Tages kam ein Wagen vor unsere Tür. Zwei Männer trugen alle Sachen hinaus und fuhren sie fort.
Die neue Wohnung war sehr schön, sie erschien mir wenigstens damals so. Wir hatten vier Zimmer und eine große Küche. Meine Mutter nahm sich jetzt auch ein Dienstmädchen und mein Vater einen Gehilfen ins Geschäft. Dieses ging nun besser als früher, und meine Eltern fingen an, im Dorfe als wohlhabende Leute zu gelten.
Das Haus, in dem wir jetzt wohnten, lag nur einige Schritte von der Wohnung meiner liebsten Freundin entfernt, ein Umstand, der mich sehr glücklich machte. Einmal kam sie auch zu mir herüber, und ich zeigte ihr die Zimmer und die neuen Möbel, die meine Mutter angeschafft hatte, um die Räume ausfüllen zu können. Eines der Zimmer nannte meine Mutter den »Salon«.
Auf dieses Zimmer war ich ganz besonders stolz; es stand freilich nur ein Tisch und ein Blumenkorb darin und an den Wänden hingen ein paar Bilder. So oft ich in das Zimmer trat, befiel mich eine ehrfurchtsvolle Scheu, die sich auch einstellte, als ich meine Hilda hineinführte. Ich dachte, daß sie nun dasselbe empfinden müsse wie ich und war daher auch gar nicht erstaunt, daß sie sofort wieder hinausging; glaubte ich doch, daß sie die Pracht des Zimmers überwältigt hätte.
Das Haus hatte einen sehr großen Hof, in dem einige alte breitästige Kastanienbäume wuchsen. Er war daher im Sommer ein ungemein schöner schattiger Aufenthalt, dessen Vorzüge wir Kinder in vollen Zügen genossen.
In einer Ecke des Hofes stand ein Wagen, der auf uns immer eine sehr große Anziehungskraft ausübte. Einmal spielten wir Hochzeit. Der Bruder meiner Freundin Leopoldine war der Bräutigam, und ich war die Braut. Ich trug einen Kranz aus Butterblumen und ein Handtuch war mein Schleier. Wir setzten uns in den Wagen und taten, als ob wir zur Kirche fuhren. Von meinem Bräutigam unterstützt, stieg ich dann aus, und eines der Kinder sprach den Segen über uns. Wir machten alles genau, wie wir es in der Dorfkirche gesehen hatten, und jedes von uns zwei sagte recht ernst und feierlich: »Ja«.