Einmal zankte ich mich mit Hilda über irgendeine Sache und wir wurden beide »böse«. Ich mußte etwas gesagt haben, das sie ärgerte, und anscheinend wollte sie mich nun auch ärgern. Es war schon gegen Abend, und wir standen beide vor unserem Hause. Hilda lehnte an der Mauer des gegenüberliegenden Hauses und blickte trotzig auf mich. Ihr Mund war verächtlich gekräuselt, ihr ganzes Wesen war Spott und Herausforderung. Einen Augenblick maßen wir uns beide wie erbitterte Gegner. – Plötzlich zermalmten mich ihre Worte: »Euer Salon ist gar nicht schön.« – Ich war tief unglücklich, und mit einer brennenden Röte auf den Wangen lief ich ins Haus. Meine Mutter rief eben nach mir, da es anfing spät zu werden, und ich stürzte auf sie zu. »Mutter,« rief ich mit erstickter Stimme, »Hilda sagte eben, unser Salon sei nicht schön.« Meine Mutter lächelte und während sie mich über die Stiege hinauf ins Zimmer nahm, sprach sie: »Das macht ja nichts.« – Nach Kinderart hatte ich den Vorfall bald wieder vergessen. So oft ich aber später in jenes bewußte Zimmer kam, wunderte ich mich über seine Leere und konnte nicht begreifen, wie ich den »Salon« je hatte schön finden können. Meine Mutter hatte zwar eine grüne Decke über den Tisch gekauft, doch die Ehrfurcht, die ich sonst empfunden hatte, kam nie wieder. –
In die Schule ging ich schon lange nicht mehr gern, und ich glaube, ich lernte auch nichts; meine Aufgaben machte ich nur, weil ich die Strafe fürchtete; Ehrgeiz besaß ich keinen. Geographie und Geschichte konnte ich nicht leiden, und das Rechnen haßte ich. Vom Singen hatte mich mein Lehrer ausgeschlossen, weil er behauptete, daß ich falsch sänge. Das einzige, das ich gern tat, war, Sätze zu bilden. Diesen Gegenstand hatten wir aber nur einmal in der Woche, wobei der Lehrer Worte auf die Tafel schrieb, mit denen wir einfache oder zusammengesetzte Sätze zu bilden hatten. Es gab für mich kein einziges Wort, mit dem ich nicht Sätze von beliebiger Anzahl und beliebiger Art zustande gebracht hätte; meine Mitschülerinnen dagegen waren in dieser Stunde immer recht stumm. Während des Unterrichts war ich meist sehr unaufmerksam und versuchte beständig mit den anderen Schülerinnen zu schwätzen. – Oft genug wurde ich bestraft.
Wir hatten auch Religionsstunde und zwar jeden Freitag. Ein ganz junger Geistlicher, den wir Katechet nannten, kam in die Schule und las uns aus dem Katechismus vor. Ich weiß nicht mehr, ob ich in dieser Stunde besser war; wohl aber daran erinnere ich mich, daß mir oft recht seltsam zumute wurde, wenn die hohe Gestalt im langen schwarzen Talar zur Türe hereintrat und sich mit ruhiger Würde setzte. Meiner Ansicht nach war er ein schöner Mann. Er hatte blaue Augen und dichtes braunes Haar. Sein Mund war immer fest geschlossen, und der junge Geistliche machte auf mich einen stolzen, herben Eindruck.
Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, sehe ich das Schulzimmer lebhaft vor mir. Keines der Kinder war wohl mehr als zehn Jahre alt, und während wir ganz still saßen, klang eine Frage nach der andern durch den Raum: »Wer hat die Welt erschaffen?« worauf eine feine junge Stimme antwortete: »Gott hat die Welt erschaffen.«
»Was heißt erschaffen?« Wieder eine andere Stimme: »Erschaffen heißt, aus nichts etwas hervorbringen.« –
»Müssen alle Menschen sterben?« ... »Alle Menschen müssen sterben.« –
Diese letzteren Worte beschäftigten noch lange meine Gedanken und wollten mir nicht aus dem Kopfe. Oft erwachte ich des Nachts, und ich hörte die Frage: »Müssen alle Menschen sterben?« – worauf es antwortete: »Alle Menschen müssen sterben.« – – – In solchen Augenblicken war mir immer unsäglich bange. Ich setzte mich in meinem Bette auf, horchte auf die Atemzüge meiner Geschwister und wunderte mich, wer wohl von uns zuerst sterben müsse. – Oft packte mich eine rasende Angst, wenn ich daran dachte, daß auch meine Mutter und mein Vater sterben müßten. Ich konnte dann nie mehr einschlafen, und überlegte, was geschehen würde, wenn ein solcher Fall einträte, wobei ich oft solche Qualen litt, daß ich laut aufschrie. Gewöhnlich kam dann eines meiner Eltern an mein Bett, und da sie annahmen, daß ich irgend etwas Aufregendes geträumt hatte, suchten sie mich auf ihre Art zu beruhigen. –
Der Sommer brachte immer ein herrliches Ereignis. Sobald nämlich unsere Schulferien anfingen, nahm uns meine Mutter zu Verwandten, die in einem sehr entlegenen Dörfchen lebten. Die sechsstündige Reise dahin unternahmen wir mit dem Postwagen. Eigentlich konnte man den Ort nicht einmal ein Dörfchen nennen, da dort nur das Haus unserer Verwandten, eine Mühle, stand. Ringsum lagen die herrlichen Wälder des unteren Wiener Waldviertels, stellenweise von hellen, grünen Wiesen unterbrochen, auf denen so hohes Gras wuchs, daß es über unsere Köpfe ging. Dicht neben dem Hause floß ein klarer, schmaler Bach, der zuweilen so schmal war, daß wir hinüberspringen konnten, und dann wieder so breit, daß wir ihn durchwaten mußten, um an das andere Ufer zu gelangen. Unmittelbar vor dem Hause befand sich ein ziemlich großer Küchen- und Obstgarten, ein Ort, der für uns immer ein neues Entzücken barg. Einmal war es ein Apfelbaum, der eine seiner Früchte wie neckend uns zu Füßen warf, einmal eine Staude, deren Beeren endlich – endlich erröteten, – dann wieder eine Blume die sich über Nacht erschlossen hatte. Am äußersten Ende des Gartens stand ein Bienenstock. Obwohl wir uns vor den Bienen fürchteten, näherten wir uns doch vorsichtig und wagten uns sogar öfters bis zu der Rückseite der Körbe vor, um durch das Glasfenster das emsige Treiben dieser lieben, fleißigen Geschöpfchen zu beobachten. –
Später, als der Kinder immer mehr wurden und das Geschäft meines Vaters schlechter ging, hörten diese Besuche auf, weil meine Eltern den Fahrpreis für den Postwagen nicht mehr erschwingen konnten. Die Erinnerung an diesen stillen herrlichen Flecken Erde, aus ungetrübter Jugendzeit, hat für mich immer etwas Wehmütiges, und ich trage stets eine heimliche Sehnsucht danach mit mir herum.
Meine Mutter nahm mich und meinen Bruder jeden Sonntag zur Kirche. Der hohe dunkle Raum, der immer so stark nach Weihrauch roch, machte mich jedesmal scheu und still. Meine Mutter saß in einer der Bänke, mein Bruder und ich aber hatten mit den Schulkindern zu stehen. Wir waren ganz vorne beim Hochaltar, und der Priester mit den Ministranten mußte jedesmal an uns vorbei. Es war derselbe Geistliche, der uns in der Schule Religionsunterricht erteilte, und er gefiel mir in dem weißen Spitzentalar noch besser als sonst. Da ich mir in der Messe die Stellen, wo niedergekniet werden mußte, nie merken konnte, so richtete ich mich nach den andern. Doch, ob wir knieten oder standen, immer hielt ich meine Augen auf den Priester gerichtet und verfolgte jede seiner Bewegungen. Mit einem Gefühl scheuer Ehrerbietung blickte ich auf ihn; sah, wie er den Wein mischte und trank, wie er das Weihrauchfaß feierlich schwang, wie er mit gefalteten Händen aus dem Heiligen Buche betete und es zum Schlusse andächtig küßte. –