Mein Bruder ging nun natürlich auch schon in die Schule und trieb sich meist mit seinen Schulkameraden umher. Wir waren nicht mehr so viel zusammen wie früher, doch noch immer genug, um zanken zu können. Er wurde überhaupt von Tag zu Tag unartiger, und meine arme Mutter konnte ihn nicht mehr zügeln. Oft wenn mein Vater abends nach Hause kam und ich schon im Bett lag, konnte ich hören, wie meine Mutter weinte und ihm klagte, wie sie es mit dem Buben nicht mehr aushalten könnte. Mein Vater wurde dann gewöhnlich ärgerlich und erklärte, daß er doch neben seinem Geschäfte nicht auch noch die Erziehung der Kinder übernehmen könne, und so blieb alles beim alten.

Als ich zwölf Jahre alt war, trat eine große Veränderung in unseren Verhältnissen ein. Mein Vater verkaufte sein Geschäft und kaufte ein Haus mit einem Geschäft in einem anderen Markte. Wieder einmal wurden alle unsere Möbel aus der Wohnung getragen, doch dieses Mal wurden sie zur Bahn gebracht. Seltsamerweise erfuhren wir nichts von der ganzen großen Veränderung bis zur letzten Stunde, so daß ich keiner einzigen meiner Freundinnen Lebewohl gesagt hatte und am Vorabend vom Kirchenplatz weglief wie jeden andern Tag.

Es war schon dunkel, als wir in Hohenburg ankamen. Ein Wagen brachte uns von der Bahn nach Hause. Mein Vater war schon dort und zeigte uns alle Zimmer im Erdgeschosse. Er hatte auch noch einen Stock aufsetzen lassen, doch durften wir nicht mehr hinauf. Meine Mutter brachte uns dann zu Bett und sagte, wir sollten, was uns träumen würde, nicht vergessen, da das, was man an einem fremden Orte, wo man zum ersten Male schliefe, träumt, wahr werde. – Ich paßte scharf auf, als meine Mutter das sagte, und am Morgen wunderte ich mich sehr über meinen Traum.

»Mutter,« sagte ich, »mir hat geträumt, daß wir wieder nach Langenau zurückgefahren sind.« – Darauf lächelte meine Mutter und sagte, sie glaube nicht, daß so etwas eintreten könne. –

Die ersten Tage und Wochen vergingen sehr schnell und waren sehr aufregend. Meine anderen Geschwister sowie ich schlossen rasch neue Freundschaften, und ich glaube nicht, daß ich mich damals besonders nach den alten Freundinnen sehnte. –

Die Leute, die noch in dem Hause wohnten, nannten meine Mutter »Hausfrau«, und ich vermute, sie hatte das gern. – Wir hatten auch ein neues Dienstmädchen, die in meinen Augen eine sehr wichtige Person war; sie erzählte mir oft Geschichten von Männern, und erwähnte, daß sie bald heiraten würde. So oft sie von der kommenden Heirat sprach, schaute sie recht froh darein. Ich dachte bei mir, heiraten müsse etwas sehr Schönes sein und wollte auch heiraten. Als ich dem Mädchen das gestand, erwiderte sie, ich sei noch zu jung.

»Wie alt muß man denn sein, um heiraten zu können?« Auf diese Frage erfolgte die prompte Antwort: »Das ist nicht gleich; einige Mädchen heiraten früh und einige später.« Ich beschloß, daß ich früh heiraten würde.

Wir waren seit einigen Wochen in der neuen Gegend, als ich anfing, zu merken, daß etwas in unserem Hause nicht richtig war. Ich sah, daß mein Vater sehr nachdenklich, ja sogar traurig aussah, und meine Mutter sehr oft weinte. Dann verließ uns mein Vater und kam erst nach vielen Wochen wieder. Er sah von Tag zu Tag schlechter aus, und meine Mutter hörte zu weinen nicht mehr auf.

Eines Tages war ich unten in dem kleinen Gemüsegarten und wollte mich auf einen alten Sessel setzen, der dort stand. Es saß jedoch schon ein anderes Mädchen in meinem Alter darauf, das einem unserer Mietsleute angehörte, und das sonst immer recht höflich zu mir gewesen war. Als ich aber jetzt auf sie mit der untrüglichen Bewegung zukam, mich setzen zu wollen, stand sie nicht auf, wie ich erwartet hatte, sondern kreuzte die Arme über ihrem Kopf und blinzelte mich schläfrig an.

»Steh auf!« forderte ich trotzig.