»Welche Nägel?«
Ich hatte aber die Schere schon gefunden, und während ich mich auf mein Bett setzte, fing ich an, einen nach dem andern zu reinigen.
»Lieber Gott, was ist Ihnen denn in den Kopf gekommen?«
»Nichts, nur meine Hände sind so furchtbar häßlich.«
»Ich glaube, Sie sind wirklich hochmütig.« –
Diese Güte, diese Anteilnahme und Unermüdlichkeit meiner Lehrerin verblieb mir während der ganzen Zeit meines Unterrichts. So oft sie an meinen Kleidern, an meinem Betragen oder sonst in irgendeiner Weise einen Fehler entdeckte, rügte sie diesen mit größter Bestimmtheit und doch mit ebenso großem Wohlwollen. Ich liebte sie bald mit jener Anbetung, die junge Mädchen oft älteren Frauen widmen. Heute weiß ich, daß ihre Hände die ersten waren, die sich mir hilfreich entgegenstreckten, als ich in der Dunkelheit herumtappte, und der Weg zum Licht für mich so weit – so weit noch war.
Nachdem Fräulein de Vall mich ungefähr sechs Monate kannte, frug sie mich eines Tages, ob ich außer der Köchin noch eine andere Freundin hätte; und als ich verneinte, erzählte sie, daß sie an dem Orte, wo sie früher lebte, eine Schülerin gehabt hätte, die ich vermutlich sehr gern haben würde. Ob ich ihr schreiben wolle und sie bitten, mit mir in Briefwechsel zu treten. Der Gedanke, ein Mädchen kennen zu lernen, von dem meine Lehrerin mit offenbarer Zärtlichkeit sprach, freute mich ungemein, und ich bat um die Adresse. Ich schrieb schon den nächsten Tag an sie und erhielt gleich eine Antwort, in der sie mir mitteilte, wie sehr sie sich freue, mit mir zu korrespondieren, und wie sie hoffe, daß wir uns recht oft schreiben würden. Als ich diesen Brief der Köchin zeigte, sagte sie: »Das muß eine sehr feine Person sein.« Darüber war ich natürlich nie im Zweifel. Als ich aber einige Tage später beim Lichte einer Kerze mich niedersetzte, um den Brief zu beantworten, da wußte ich nicht, was ich schreiben sollte. Ich überlegte sehr lange. Endlich jedoch fing ich an und schrieb, ohne aufzuhören, vier bis sechs Seiten voll. Was ich aber geschrieben habe, waren alles Dinge, die ich für mich dachte und von denen ich nie zu jemandem sprach, selbst zur Köchin nicht ...
Von meinem Bruder hatte ich bisher kein Wort gehört und zu Hause wußte man ebenfalls nichts von ihm. Eines Tages aber erhielt ich von meinem Vater einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß er ein Schreiben von Karl bekommen hätte, worin stünde, daß er ungemein viel Geld verdiene.
Mir schlug bei dieser Nachricht das Herz bis zum Halse hinauf. Obwohl ich eigentlich nie recht an das geglaubt, was er mir beim Abschied gesagt hatte, so fiel mir doch jetzt wieder alles ein, und ich fragte mich, ob er jetzt wohl kommen würde. Ein leiser Schrecken erfaßte mich, als mir bewußt wurde, daß ich kein einziges von den empfohlenen Büchern gelesen hatte, und Schiller sowie Goethe immer noch nur dem Namen nach kannte. Wahrscheinlich bewegte er sich jetzt schon in den feinsten Kreisen, und meine völlige Unfähigkeit, aus irgendeinem Drama von Schiller zitieren zu können, würde für ihn furchtbar beschämend sein. Darüber, daß er mir bis jetzt noch nicht geschrieben hatte, wunderte ich mich kaum. Sicher hatte er unermüdlich gearbeitet und fand nicht Zeit dazu. Um aber für den Fall, daß er wirklich kommen würde, vorbereitet zu sein, ließ ich es nun meine erste Sorge sein, mir ein Buch von Schiller zu verschaffen. Kaufen konnte ich keines, da ich keinen einzigen Kreuzer dafür übrig hatte. Im Eßzimmer meiner Herrenleute befand sich zwar ein Bücherschrank, er war jedoch immer verschlossen; die Bücher schienen mehr als eine Zierde da zu sein und ich hatte niemals jemanden darin lesen gesehen. Nachdem aber noch weitere fünf bis sechs Monate vergingen, ohne daß ich von meinem Bruder hörte, vergaß ich allmählich jene lockenden Zukunftsbilder und dachte nicht mehr daran.
Ich befand mich nun ungefähr zwei Jahre auf dieser Stelle, als ich die Bekanntschaft eines Mädchens machte, das ich täglich auf den Spaziergängen mit den Kindern traf. Da sie immer recht freundlich zu mir war, setzte ich mich gewöhnlich zu ihr auf die Bank, und während die Kinder zwischen den Bäumen allerlei Spiele spielten, plauderten wir über verschiedene Dinge.