»Ich weiß es nicht.«
»Eine der schönsten Stellen ist die, wo er mit seiner jungen Frau durch die wogenden Kornfelder geht.«
»Ja, aber ich glaube, er muß ein schrecklicher Mensch gewesen sein.«
»Warum das?«
»So unruhig, so launenhaft, so unbeständig.«
Nach diesen Worten traf mich ein flammender Blick, dann zog er den weichen Hut tief über die Stirne und lächelte. –
Wir trafen uns nun fast jeden Tag, gewöhnlich am Morgen, wenn ich die Kinder zur Schule führte und er in die Bank mußte. Eine kleine Strecke fuhren wir zusammen, dann mußte ich mit den Kindern aussteigen, und er fuhr weiter. In diesen flüchtigen Minuten führten wir sprunghafte Unterhaltungen. An irgendeinen Zufall, einen Gedanken oder eines meiner Gedichte anknüpfend, sprachen wir scheinbar objektiv, bis wir plötzlich stockten, weil jedes meinte, es habe etwas verraten. Nach und nach fing ich an, an ihn zu denken, auch wenn ich ihn nicht sah. Mitten aus all den sehnsüchtigen, unverständigen Träumen, die ich von jeher geträumt hatte, hob sich sein Bild wie eine lodernde Frage. – Und etwas, das die ganze Zeit dumpf und leblos in mir gelegen hatte, dehnte sich, richtete sich auf und lächelte wie ein Genesender. Einmal hatte ich ihn zwei Tage nicht gesehen, und weil mein Herz voll war von einer wundersamen Sehnsucht, schrieb ich ihm einen Brief. Nicht daß ich ihn zu sehen wünschte oder ähnliches. Nein, Gedanken, die mir reich wie ein Regen in die Seele fielen und mit denen ich nicht wußte, was zu tun – Bilder, die ich schön und seltsam fand und mit ihm teilen wollte. Den nächsten Tag zitterte ich vor Ungeduld, ihn zu sehen. Doch ich sah ihn nicht. Den nächsten Tag auch nicht, den nächsten auch nicht. Am vierten Tage endlich ... Mein erster Impuls war, ihm entgegen zu stürzen, doch dann hielt mich das süße Zagen, das mich nun schon lange immer in seiner Nähe überfiel. Es schien erst, als ob er an mir vorüber wollte, ohne mich zu bemerken, doch dann zögerte er, blieb stehen und grüßte. Ich konnte sein zurückhaltendes Benehmen nicht verstehen und fühlte einen brennenden Schmerz. »Warum?« frug ich, »warum sehe ich Sie so selten?« Er atmete tief und sah an mir vorbei.
»Weil es unklug wäre, wenn wir uns öfter träfen.«
»Warum?«
Er antwortete wieder nicht gleich. »Es gibt,« sagte er endlich, »Wölfe, die im Schafspelze herumlaufen.«