»Sie sind feige.«

Darauf zuckte er mit den Achseln.

»Wenn es Ihnen Freude macht, das zu denken, will ich Sie nicht daran hindern, doch dürfte eine kleine Aufklärung am Platze sein. – Es ist nicht meinetwegen, sondern Ihretwegen. Ein unverheirateter Mann kann tun, was er will. Er kann einem Mädchen den Hof machen, ihm den Kopf verdrehen, und niemand wird es einfallen, ihn darum zu tadeln. Die allgemeine Auffassung, die aber in bezug auf ein Mädchen herrscht, kennen Sie ja.«

»Ich kümmere mich nicht um die Leute.«

»Das glaube ich, aber die Leute kümmern sich um Sie.«

»Aber ich mache mir nichts daraus.«

»Aber ich.«

»Also doch Ihretwegen.«

»Nein Ihretwegen.«

Er war stehen geblieben und sah mich hart und entschieden an. Ich kam mir plötzlich so elend und erbärmlich vor, daß ich mich vor mir selbst schämte. Was sollte das eigentlich heißen? Da vor mir stand ein Mann, den ich bat und bettelte, ihm schreiben zu dürfen, und der mir erklärte, er würde es gnädig erlauben, wenn ich auf von ihm gestellte Bedingungen einginge. Ein bitterer Zorn überkam mich. Würde er es wagen, so zu einem andern Mädchen zu sprechen? Zu der Tochter eines Vorgesetzten oder eines Bekannten? Würde er sich da auch einer Bekanntschaft schämen? Denn nichts anderes konnte es sein, als daß er sich meiner schämte. Meiner armseligen Kleidung, meiner armseligen Stellung. Eine Vision von Mädchen in reicher, vornehmer Kleidung zog blitzschnell an mir vorbei, und es wallte wie Neid in mir empor. Hatte er nicht recht? Was war ich denn? Was waren meine Eltern? Arm – bitterlich arm.