»Gehen Sie,« sagte ich gequält, »ich will Ihnen nicht mehr schreiben.«
»Das können Sie nicht.«
Meine Traurigkeit wandelte sich wieder in Zorn.
»Warum kann ich das nicht?«
Seine Augen hatten den harten Ausdruck verloren, sie blickten ruhig, doch bestimmt, und von diesem Blicke ging eine Herrschaft aus, die bis jetzt kein Mensch imstande war, auf mich auszuüben; und weil sich dagegen alles, was frei und stolz und stark in mir war, auflehnen wollte, sagte ich: »Ich hasse Sie.« Dann drehte ich ihm den Rücken und lief davon. Später, als es dunkel wurde und die Kinder schliefen, setzte ich mich an das offene Fenster und blickte auf die Straße hinab, in der die Gaslaternen flammten und unzählige Menschen hin und her wogten, so verschieden in Aussehen und Gebaren und doch alle einander so ähnlich durch den gemeinsamen Trieb nach Zerstreuung und Vergnügen. Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten. Sie strömten dem Lustspieltheater zu, das ganz in der Nähe lag; wie ein feiner elektrischer Strom schlug ihre Hast und Erwartung zu mir empor. Mit einem leisen Schauder fühlte ich diese fremde, rätselhafte Gewalt, und plötzlich war es mir, als ob ein riesengroßes Ungeheuer, mit höhnischem Munde und boshaften Augen, den Knäuel von Menschen, Pferden und Kutschen mit lautem Gelächter und Fußtritten vor sich herrollte. Um das Bild los zu werden schloß ich die Augen und dachte nach Hause. Ich stellte mir die Kinder vor, wie sie zu zweien in den Betten lagen, und sah meine Mutter, angetan mit einem abgeflickten Kleidungsstücke, beim Tisch sitzen. Ich spürte förmlich den Geruch der kleinen Petroleumlampe und sah die rotgeränderte Flamme hinter dem verbogenen Schirme zucken.
Dann wieder sah ich mich selbst unter der Kinderschar, mit dem unzufriedenen Gemüt und dem unbestimmten Drang nach irgend etwas ganz, ganz anderem; mit der großen Sehnsucht nach einem Menschen, dem ich all die Dinge erzählen konnte, die ich beständig dachte und über die, hätte ich sie verraten, mein Vater verständnislos den Kopf geschüttelt und meine Mutter gequält gelächelt hätte. – Und plötzlich befand ich mich wieder im Banne jener Augen, die mich heute so ernst, so bestimmt angesehen hatten ...
»Weil Sie mich brauchen,« hörte ich ihn wieder sagen, und die Worte, die am Nachmittag so brutal, fast höhnisch klangen, tönten jetzt so weich und beruhigend, tönten so zuversichtlich, daß ich unwillkürlich die Arme ausstreckte, wie mich daran zu klammern.
Ich hatte ihm geschrieben und dem Briefe die letzten meiner Gedichte beigelegt. Daraufhin sandte er mir ein paar Zeilen, die den Wunsch enthielten, mich allein sprechen zu können. Ich hatte ihn bis jetzt immer nur in der Gesellschaft der Kinder getroffen, und der Gedanke, ihn einmal ganz allein und ungestört sprechen zu dürfen, ließ mich in einer eigentümlichen Weise erbeben.
Unter einem sehr dummen Vorwand machte ich mich am folgenden Tage eine Stunde frei und traf pünktlich ein. Sein Gruß war außerordentlich höflich, sein Gesicht außerordentlich ernst. »Ich habe,« sagte er, »nur eine Viertelstunde Zeit und will darum sofort mit dem beginnen, worüber ich mit Ihnen sprechen will.« Die Bemerkung, daß er nur eine Viertelstunde, während ich eine Stunde Zeit hatte, ärgerte mich, und so antwortete ich kaum auf seine Einleitung. Er schien aber meinen Unmut nicht zu bemerken und fuhr fort: »Ich danke Ihnen zuerst für den Brief sowie für die Gedichte; doch ist es der Gedichte halber, daß ich Sie sprechen wollte. Schon aus den früheren Gedichten habe ich ersehen, daß Sie ein großes schönes Talent besitzen. Aber so herrlich auch die Gedanken sein mögen, welche Sie darin aussprechen, so schlecht ist die Form, in die Sie sie kleiden. – Hier« – er zog meinen Brief aus seiner Brusttasche – »können Sie genau sehen, was ich meine.«