Ich starrte verwirrt auf das Blatt Papier, das er mir entgegenhielt, konnte aber nichts sehen und bat ihn um weitere Erklärung. Darauf lächelte er, doch nicht das spöttische Lächeln, und sagte:

»Den Gedichten fehlt jede Form.«

»Form?« frug ich erstaunt und verletzt, »was sollen sie denn für eine Form haben?«

»Richtige Form. Wie Sie selbst sehen werden, stimmt das Versmaß nicht.«

Er las dann jede Zeile langsam, und zwischendurch machte er Bemerkungen wie:

»Diese Zeile hat einen Fuß zu wenig, und diese hier hat einen Fuß zuviel ... diese Zeile ist, was Takt anbelangt, viel zu langsam, und diese viel zu schnell. Es müßte ungefähr so heißen ...«

Dann las er das Gedicht noch einmal, ersetzte aber durch irgendein Wort das fehlende, und ließ weg, was er für überflüssig fand. Ich hatte so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht gehört und horchte nun auf jedes Wort, das er sagte, mit größtem Interesse. Nachdem die Viertelstunde und noch einige Minuten darüber um waren, verabschiedeten wir uns, und ich ging, von ganz neuen Gedanken erfüllt, nach Hause. Sobald ich aber Zeit hatte, nahm ich einige meiner Gedichte vor und fand darin dieselben Unebenheiten. Einige Tage später, als ich meinen Freund, ich weiß nicht mehr, zufällig oder nicht zufällig, auf dem Gange traf, überreichte er mir zwei Bücher, ein großes und ein kleines. »Das hier ist eine Grammatik der deutschen Sprache, denn – und nun lächelte er wieder gütig – Sie machen in Ihren Gedichten auch sehr viel grammatikalische Fehler, und das hier ist eine Poetik, die Ihnen deutlicher, als ich es imstande bin, erklären wird, was Sie beim Dichten im Auge zu halten und was Sie zu vermeiden haben.«

Ich dankte ihm für die beiden Bücher. Als ich sie jedoch abends durchblätterte, fand ich die deutsche Grammatik recht langweilig und die Poetik ganz unverständlich. Wenn ich, so sagte ich zu mir, so dichten müßte, wie es in diesen Büchern steht, so würde ich überhaupt nichts dichten können. Ich legte darum die beiden Bücher beiseite und dichtete in meiner alten Weise fort. Dieses Mal verging fast eine Woche, ehe ich ihn wiedersah, und er frug mich sofort, wie mir die Bücher gefielen. Ich schämte mich aber, die Wahrheit zu sagen und antwortete: »Ganz gut.«

»Haben Sie etwas Neues gedichtet?«

Darauf bejahte ich und zeigte ihm meine letzten Gedichte; er las sie aufmerksam durch und gab sie mir dann zurück. »Die Gedanken, die darin enthalten sind, sind ja gut, wie immer, nur schade, daß Sie den beiden Büchern nicht mehr Aufmerksamkeit schenken.«