»Wie wissen Sie das?«

»Das kann ich sehen. Hätten Sie nur etwas Geduld mit ihnen gehabt, so könnten Ihnen solche grobe Fehler, wie sie sich in diesen Gedichten finden, nicht möglich sein.« Ich schämte mich bei dieser Rede noch mehr; doch plötzlich erwachte mein Trotz.

»Die Bücher sind sehr langweilig, und ich werde nichts daraus lernen.«

»Gut,« entgegnete er, »so wollen Sie also immer ein Kindermädchen bleiben?«

Ich senkte den Kopf und ärgerte mich, daß er es wagte, so mit mir zu sprechen. Am Abend nahm ich die Bücher und lernte. Es war besonders die Poetik, mit der ich mich beschäftigte, und sobald ich etwas in das eigentliche Wesen dieser Kunst eingedrungen war, merkte ich bald genug, was meinen Gedichten mangelte. Schon nach einigen Wochen eifrigen Lernens schrieb ich ein neues Gedicht, das mir ein warmes Lob von meinem Freunde einbrachte. Das Gedicht, »Lebenslied« genannt, lautete:

Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget
Am goldenen Rocken,
Aus Dunkel und Licht,
Ohn' Säumen und Stocken,
Horch, fühlst du es nicht?
Still sachte und leise
Nach ewiger Weise
Das Schicksal die flimmernden Fäden flicht.
Mit ruhigen Zügen
Und offenem Haar
Die Göttinnen fügen,
Nur Himmlischen klar,
Süßholder Gefühle
Liebreizende Spiele
Im menschlichen Busen uns wunderbar.
Und wirken und weben,
O, sorget euch nicht!
Noch während wir beben,
Schon knüpfen sie Licht,
Und ziehn uns die Säume
Frohglänzender Träume
Um's tränenbefeuchtete Angesicht.

»Es ist das,« so sprach er, »Ihr erstes Gedicht, und ich gratuliere Ihnen dazu.« Diese Worte machten mich ungemein glücklich und stolz. Mit einer erschreckenden Gewißheit hatte ich begriffen, daß ich in jeder Beziehung weit unter ihm stand, daß ich nichts, nichts in die Wagschale zu werfen hatte, wenn man meine Verhältnisse gegen die seinen wog. Daß ich ein armes unbedeutendes Mädchen war, das nie, nein, in seinen kühnsten Träumen nicht, hätte von ihm träumen dürfen.

Und nun fühlte ich mit einem süßen Zittern, daß dieser elegante Mann mit dem feinen Wesen wie ein fremdländischer Vogel, mit glänzendem Gefieder, durch die stillen Wälder meiner Seele flog – und fortfliegen würde, sobald er sie nimmer still und duftend fand. Und wie ich so in die tiefsten und geheimsten Gedanken lauschte, spürte ich auf einmal eine heiße Angst. – Dieser Fremdling, der da zufällig, wie im Vorüberwandern zu mir kam, durfte nicht wieder fort. Nein, nie wieder. Aller Glanz, alle Wärme, alle Lieder würden mit ihm gehen. Diese uneingestandene köstliche Erwartung, die mir ihr Märchen wie mit Silberglocken in die Seele läutete – diese neue wundersame Zagheit, die mir so oft den Fuß zum Stocken und das Herz zum Zittern brachte – dieses rasche, süße Aufquellen einer unergründlichen Glückseligkeit, das alles würde mit ihm gehen. – Und dann wachte etwas in mir auf, das sich gegen diese Angst bäumte, etwas, das wuchs und wuchs, bis es alles andere überragte: ein neues Bewußtsein, gepaart mit einer neuen Stärke, und so nahm ich den Kampf auf, den jedes Mädchen wenigstens einmal kämpft und der schwerer ist als alle Kämpfe, die je von Heereszügen ausgefochten wurden.

Aber so tief und leidenschaftlich dieser Kampf innerlich auch gewesen sein mag, so wenig offenbarte er sich nach außen. Wir trafen uns zwar fast jeden Tag, doch selten allein; und verabredeten wir auch hie und da eine Zusammenkunft, hatten wir nie mehr als eine halbe Stunde zur Verfügung. Er hatte sich nach und nach völlig verändert. Das spöttische Wesen, das er im Anfange unserer Bekanntschaft immer zur Schau getragen hatte, war verschwunden, und an seiner Stelle erschien ein nachdenklicher Ernst. Was mich anbelangt, so machte mich seine Ruhe und Höflichkeit scheu und schroff, weil ich fürchtete, Empfindungen preiszugeben, die vielleicht gar nicht erwidert wurden. Denn wie und was er über mich dachte, konnte ich nie begreifen. Er war immer so gut, so besorgt, dabei so unbarmherzig streng, fast brutal, wenn sich mein Eigensinn gegen seinen Willen auflehnte.

Einmal befand ich mich mit den Kindern am Gang, und meine Dame war ebenfalls herausgekommen. Ich saß mit einer Näharbeit beschäftigt, und trotzdem ich nicht aufblickte, fühlte ich plötzlich, daß noch jemand da war. Gleich darauf hörte ich eine Stimme, die ich kannte, und mein Herz begann stärker zu klopfen. Ich hatte gedacht, daß er zu mir herantreten und mich grüßen würde. Er tat das aber nicht, sondern unterhielt sich mit meiner Dame. Alles Blut drängte sich mir langsam ins Gesicht. »Der Feigling,« schrie es in mir, »er wagt es nicht einmal, mich zu grüßen.« Ich zitterte vor Scham und Empörung, und nichts in der Welt hätte mich bewegen können, die Augen aufzuschlagen. Die Unterhaltung, die sie führten, war kurz und nichtssagend; nach einigen Minuten verabschiedete er sich mit höflichen Worten von meiner Dame, mit ein paar Scherzworten von den Kindern, dann flog eine Tür ins Schloß und ich wußte, daß er fort war. Ich hätte weinen mögen, vor Wut und Traurigkeit. Das also war mein Freund. – Sobald ich die Kinder zu Bette gebracht hatte, schrieb ich ihm einen Brief, worin ich ihn bat, mir sämtliche Briefe und Gedichte, die er von mir erhalten hatte, zurückzusenden, da ich unsere Freundschaft, die, wie ich erst jetzt herausgefunden, nie eine Freundschaft war, aufgehoben wünschte. Ich dachte, daß er meinem Wunsche sofort nachkommen würde, und war erstaunt, nichts von ihm zu hören. Ein Tag verging nach dem andern, und endlich, nach einer Woche, übergab mir der Hausbesorger einen Brief, besser gesagt, einen Zettel: »Ich möchte Sie allein sprechen, bitte, bestimmen Sie Zeit und Ort.« Erst nahm ich mir vor, nichts zu erwidern. Zwei Tage hielt ich es aus, dann schrieb ich ihm, »wo und wann«.