»Was soll das bedeuten,« frug er, mein letztes Schreiben hervorziehend. Darauf brach ich in bittere Vorwürfe aus. Er unterbrach mich mit keiner Silbe, und ich sprach, bis ich nichts mehr zu sagen wußte. »Sie sind ein Kind,« sagte er dann, und dabei sah er mich halb belustigt, halb traurig an. Seine anscheinende Gleichgültigkeit aber ärgerte mich. »Bitte,« sagte ich würdevoll, »wann werde ich meine Briefe wieder haben?«

Seine Augen flammten plötzlich und seine Lippen preßten sich aufeinander:

»Niemals.«

»Aber es sind meine Briefe.«

»Sie täuschen sich, die Briefe gehören mir.«

Er war stehengeblieben und in seinen Zügen war der tiefe Ernst und die Entschlossenheit, die ich so gut kannte. Da brach aller Zorn in mir zusammen, und halb weinend schmiegte ich mich an ihn. Eine Sekunde lang ließ er mich gewähren, dann richtete er sich straff auf und zog seine Uhr.

»Es ist Zeit, daß Sie gehen.«

Er sprach kühl und höflich wie immer, der Blick aber, mit dem er mich ansah, war ein wunderbarer Blick, und voll von einem neuen Wunder, gemischt mit einem herben Weh, schritt ich halb betäubt nach Hause. –

Später lernte ich auch seine Mutter kennen. Sie war eine so feine, vornehme Frau, daß ich sie lieb gehabt hätte, auch wenn sie nicht seine Mutter gewesen wäre. So oft sie mich traf, plauderte sie in liebenswürdiger Weise mit mir. Einmal sagte sie, daß ihr ein schönes Buch in die Hände gefallen wäre, ob ich es mir holen möchte. Recht schüchtern, aber auch recht entschlossen, drückte ich an einem der nächsten Tage die Klingel, worauf mich das Stubenmädchen in den Salon führte. Die Zusammenstellung der Möbel und sonstiger Dinge war ebenso geschmackvoll als elegant, und unwillkürlich dachte ich an unsere Wohnung zu Hause, an das eine Zimmer, in dem sie alle zusammen aßen, schliefen und sich quälten. Der Eintritt meiner Gönnerin entriß mich den düsteren Gedanken. Sie stellte mir einige freundliche, unaufdringliche Fragen, und bald kamen wir ins Plaudern.

»Eigentlich schäme ich mich,« sagte sie, während sie ein Schubfach aufzog und vergilbte Blätter herausnahm, »aber ich kann mir nicht helfen. Hier sind noch eine Menge Dinge aus meiner Mädchenzeit, die ich mich nicht entschließen kann, fortzuwerfen.« Dann zeigte sie mir Gedichte, die sie einmal ausgeschnitten hatte, Blumen die sie getrocknet hatte, und vieles andere, worüber sie mit leisem zärtlichen Drucke ihrer weißen Finger strich. Ganz zum Schlusse überreichte sie mir das Buch, weswegen ich gekommen war, ein Bändchen Gedichte von »Mirza-Schaffy«.