Es blieb nicht bei dem einen Besuche. Noch oft war ich in dem trauten Zimmer mit den schwarzen Möbeln, und wenn sie mir so gegenüber saß, die Augen mit einem eigenartigen, fragenden Ausdruck auf mich gerichtet, hätte ich am liebsten meinen Kopf in die dunkle Seide auf ihren Schoß gelegt und ganz leise mein Leid geklagt. –
Eines Tages erhielt ich einen Brief von zu Hause, in dem mir meine Eltern mitteilten, daß es schlechter ginge als je, daß sie dieses Mal den Mietzins nicht aufbringen konnten und ihnen am ersten Januar, das war in einigen Tagen, die Möbel auf die Straße gesetzt werden würden. Dieser Brief versetzte mich in ungeheure Aufregung. Ich hatte in den zwei Jahren, während ich auf meiner Stelle war, öfters größere und kleinere Beträge geschickt, doch gerade jetzt hatte ich kein Geld. Meine Einbildung zeigte mir meine Eltern und Geschwister auf der Straße, und in meiner Verzweiflung weinte ich die ganze Nacht. Am Morgen hatte ich einen Gedanken, über den ich zuerst erschrak und den ich entschieden abwies; aber er kam immer wieder, dringlicher und dringlicher, und als es Zeit war, die Kinder in die Schule zu nehmen, hoffte ich sehnsüchtig, meinen Freund zu treffen. Ich hatte nicht vergebens gehofft, und als ich seiner ansichtig wurde, flog ich auf ihn zu. »Ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte ich und zitterte vor Erregung. Er blickte besorgt auf mich.
»Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«
»Nicht jetzt,« antwortete ich und blickte scheu nach den Kindern.
»Ich muß Sie allein sprechen, kann es Sonntag sein?«
»Wenn es etwas ist, das Ihnen Sorge macht, warum nicht früher?« Diese Worte erleichterten mich ungemein. »Kann es heute sein?« frug ich.
»Gewiß, wann immer Sie wollen.«
Wir bestimmten dann die genaue Stunde und verabschiedeten uns. Kaum aber war er fort, so erschien mir mein Vorhaben unmöglich. Durfte ich ihn denn um Geld bitten? – Die quälendsten Gedanken stürmten auf mich ein, und als die Zeit herannahte, wo ich ihn treffen sollte, war ich fest entschlossen, nicht zu gehen. Ich ging auch nicht. Statt dessen nahm ich den Brief von zu Hause zur Hand und las ihn immer wieder. Er war von meinem Vater geschrieben und eine Stelle lautete: »Du kannst Dir denken, daß die ewigen Sorgen auch die Mutter aufreiben, und sie kränkelte in der letzten Zeit. – Was wir tun sollen, wenn wir auf die Straße gesetzt werden, weiß ich nicht; ins Armenhaus würden sie uns nicht aufnehmen, weil wir nach Langenau nicht zuständig sind.« Ich legte mein Gesicht auf den Tisch und weinte bitterlich. Plötzlich entschloß ich mich, doch zu tun, was ich vorgehabt hatte; die Uhr aber zeigte mir, daß es bereits eine ganze Stunde später war, als wir verabredet hatten, und ich konnte nicht erwarten, ihn noch zu treffen. So gut ich imstande war, verbarg ich meinen Kummer und lag meinen gewohnten Pflichten ob. Am Abend desselben Tages ging meine Dame mit ihrem Manne in das Theater. Nachdem ich die Kinder zu Bett gebracht hatte, erfaßte mich eine solche Angst meiner Mutter wegen, daß ich beschloß, keine Stunde mehr zu zögern. Wie aber sollte ich das anstellen? – Er war ja sicher nicht zu Hause, und wenn er auch zu Hause gewesen wäre, hätte ich doch unmöglich in der Wohnung seiner Eltern nach ihm verlangen können. In der Hoffnung, ihm vielleicht dennoch irgendwo zu begegnen, schlich ich auf den Gang hinaus und bemerkte zu meiner wahnsinnigen Freude, daß Licht in einem kleinen, einen Stock höher gelegenen Zimmer war, wo er oft verschiedene Arbeiten, wie das Anfertigen von Photographien oder Ausbessern von Uhren, zu seinem Vergnügen besorgte ... Fast ohne zu wissen, was ich tat, schritt ich die Stiege hinauf und klopfte leise, so leise, als ob ich gewünscht hätte, daß er mich nicht hören sollte. Er hatte das Klopfen aber gehört und rief »herein«, worauf ich die Türe aufklinkte und zögernd eintrat. Drinnen drückte ich mich fest an die Wand und sagte kein Wort.
Er hatte bei meinem Eintritt seine Arbeit sofort unterbrochen und sah mich fragend an.
»Sprechen Sie,« sagte er endlich.