»Glauben Sie an mich?« hörte ich ihn sagen.
»Ja,« erwiderte ich einfach, und schweigend reichten wir uns die Hände. –
Die Zeit, die jetzt folgte, könnte ich nimmer beschreiben. Die kurzen Zusammenkünfte waren so voll von einem zagen Glück, von einer halberschrockenen Zärtlichkeit, daß keine Farbe fein, keine Hand sicher genug sein könnte, sie wiederzugeben. Doch waren auch oft Stunden, in denen eine seltsame Stimmung über uns schwebte; Stunden, in denen er sich jäh aufrichtete, als ob er etwas abschütteln wollte, Stunden, in denen seine Augen den stillen Glanz verloren und düster blickten, Stunden, in denen das Tier in ihm tobte ... In solchen Momenten erbebte ich, weil ich die Kraft der Leidenschaft ahnte, die ihn bewegte, und dann fürchtete ich mich fast vor ihm ... Wenn er einmal, ein einziges Mal nur seinen Schwur vergessen würde, wehe dann unsrer Freundschaft, wehe dann mir ...
In solcher Weise verfloß ein volles Jahr, und ich glaubte, daß ich absolut glücklich war und es nicht anders wünschte. Doch nach und nach bemächtigte sich meiner ein Gefühl dumpfer Angst. Nicht wie früher nahm ich meine Bücher zur Hand, sobald die Kinder schliefen, sondern setzte mich in einen Winkel und brütete über Gedanken, die mir langsam und langsam gekommen waren. – Wohin sollte das führen? – Ich dachte an die tiefen Blicke, die er mir oft gab, und schauderte. – Würden wir unsere Freundschaft durchtragen können? Und dann regte sich die spießbürgerliche Frage wieder, die ich mit vielen schönen Redensarten totgeschwiegen zu haben meinte, die Frage: Warum heiratet er mich nicht? Warum nicht? ... Meiner Armut, meiner Stellung wegen? ... Aber wenn ein Mann ein Mädchen liebt, konnte doch das kein Grund sein ... Wenn er mich aber nicht liebte, warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte, sein Interesse, sein Opfermut? ... Ich suchte nach einem ähnlichen Schicksal unter den Mädchen, die ich kannte, aber da gab es nichts Ähnliches. Wenn sie im Gespräche den Herzenspunkt berührten, lächelten sie ein schlaues, verschmitztes Lächeln, das mich nur anekelte, aber nie belehrte. Meine Gedichte wurden immer grübelnder, immer fragender; und er, um den sich alle Reime und alle Träume schlangen, korrigierte und kritisierte die Zeilen, in denen die ganze Sehnsucht und Trauer meiner Seele lag, korrigierte und kritisierte sie manches Mal mit den alten ironischen Blicken, manches Mal mit abgewandten Augen und einem Schatten in den Zügen. Und dann kamen Nächte, die mir keinen Schlaf brachten, sondern immer nur die eine ermüdende quälende Frage, bis mir einmal, hell wie ein Blitzstrahl, die Antwort in mein Bewußtsein fuhr ...
Es war gelegentlich einer unsrer Zusammenkünfte, daß er sagte: »Ich bin mit Ihren Fortschritten nicht ganz zufrieden.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ganz einfach, Ihre Gedichte behandeln immer nur denselben Stoff, was ja auch kein Wunder ist, da Sie sich stets in demselben Kreise der Verhältnisse bewegen, anstatt andere Leute und andre Sitten kennen zu lernen.«
Ich fühlte, wie mein Herz rascher schlug, doch verbarg ich meine Bewegung. »Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte ich zögernd, »daß ich eigentlich noch viel mehr lernen sollte, und – noch zögernder – fortgehen möchte.« Wir sahen uns nun in die Augen und wußten beide, daß wir logen, doch die Worte, die vielleicht erlöst, beseligt hätten, erstarben unter dem erheuchelten Gleichmut unserer Gesichter.
»Wohin?« frug er endlich.
Jetzt, wo der Würfel fallen sollte, schrak ich zurück, ihn zu werfen ... Die ganze hündische Anhänglichkeit und Treue meines Geschlechtes brach hervor, die ganze heiße Sehnsucht nach Glück, die schon so lange demütig gehofft und gewartet hatte, stand auf; jeder Gedanke, jeder Herzschlag in mir verneinte ... Die Sekunden verstrichen und ich antwortete nicht. Prüfend, wie ein Senkblei, fühlte ich seinen Blick in meine Seele fallen, und plötzlich sah ich, wie es um seinen Mund zuckte, das alte höhnische Lächeln, das ich so haßte und fürchtete. Nie hatte ich es verstehen können, nun war es mir auf einmal klar. Er hielt mich nicht fähig, von ihm fortzugehen, noch mehr, er hielt kein weibliches Wesen fähig, sich von dem Manne zu trennen, den es liebt, noch mehr, er verachtete alle Frauen, verachtete alle Mädchen. Und da wußte ich, daß ich noch kein Atom seiner Seele gewonnen hatte, daß der Kampf, den ich aus Trieb und Drang aufgenommen hatte, noch lange nicht zu Ende war ...