Den nächsten Tag übergab mir der Hausmeister einen Brief, und als ich ihn öffnete, erblickte ich eng zusammengefaltete Banknoten. –
Von dieser Zeit an empfand ich für meinen Freund eine maßlose Dankbarkeit, liebte ihn, wenn das überhaupt möglich war, noch inniger und zärtlicher als zuvor und konnte bei den folgenden immer so kurzen Zusammenkünften meine Gefühle nur mühsam verbergen. Er aber war nach wie vor derselbe. Meine Gedichte bildeten für ihn stets die Quelle der Gespräche, und trotzdem ich sie nun schon für fehlerlos hielt, fand er noch oft etwas zu tadeln; doch lobte er auch manchesmal, und ein Lob aus seinem Munde war mir immer ein süßer Lohn. Selbstverständlich entstanden noch oft Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, wobei ich so weit ging, daß ich mich unhöflich, ja sogar grob benahm; ihn aber verließ seine Nachsicht und seine Ruhe nie. Gewöhnlich war es sein Schweigen, das mich zur Besinnung brachte, und sobald ich mein Unrecht eingesehen hatte, bemühte ich mich jedesmal, es wieder gut zu machen. Er war auch immer bereit, mir irgendwelches ungefüge Betragen zu verzeihen, und die alte Freundschaft war wiederhergestellt.
Heimlich aber war ich unzufrieden.
»Warum,« so frug ich mich oft, »warum sagt er mir nicht, was doch allein jedes Mädchen glücklich macht ...? Warum gibt er mir nicht das leiseste Zeichen, daß er mich liebt? ... Oder liebt er mich doch nicht ...?«
Diese Frage sandte immer einen jähen Schreck durch alle meine Glieder, und oft setzte ich mich in der Nacht auf und starrte mit fest verschlungenen Händen in das Dunkel um mich. Ist da vielleicht eine andere, an die er täglich und stündlich denkt, wie ich täglich und stündlich an ihn dachte? Ich schauderte bei der namenlosen Einsamkeit, die dieser Gedanke in mir erweckte, rief jedes Wort, jeden Blick von ihm ins Gedächtnis zurück und wog und wunderte, bis alle Formen und alle Farben in eins zusammenflossen und mir die Augen zusanken. –
Einmal hatten wir verabredet, uns wieder allein zu treffen, und wie immer konnte ich die Zeit unserer Zusammenkunft kaum erwarten. Ich traf eine halbe Stunde früher ein, doch auch er war schon angelangt. Es war das erste Mal, daß wir etwas mehr Zeit vor uns hatten, und ich hoffte heimlich, daß er vielleicht heute die Schranken des Schweigens fallen lassen und endlich – endlich sprechen würde. Er sprach auch, doch was er sprach, war etwas ganz anderes, als ich erwartet hatte. Er erzählte mir von seinen Knabenjahren, von seinen Jünglingsjahren, und von einer ersten Liebe, die ihn enttäuscht zurückgelassen hatte. Ich hörte zu, aber ich hörte alles wie im Traume. In meinem Kopf hämmerte und klopfte es, und mein Herz wußte nur von einem Wunsche. – Er braucht ja sein Betragen mir gegenüber nicht zu ändern, schrie es in mir, er soll mir nur sagen, daß er mich liebt. – Und mit dieser Qual in den Augen blieb ich plötzlich stehen und legte meine Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie mir,« frug ich mit einer Stimme, in der Kühnheit und Scheue kämpften, »warum tun Sie so viel für mich?«
Er schien auf einmal blaß zu werden, und seine Züge wurden eisern. – »Weil ich Ihr Freund bin,« sagte er dann.
»Ist das alles?« frug ich ihn.
»Alles,« antwortete er und schüttelte meine Hand von seinem Arm. – Dann war es so still, daß ich meinte, ich könnte sein Herz und mein Herz klopfen hören. Plötzlich aber weckte mich seine Stimme, eine Stimme, die mir neue Tiefen seiner Seele erschloß, eine Stimme, die, aus Leid und Qual gewoben, sich wie eine Brücke über den Abgrund legte, den seine Worte in mir ausgerissen hatten. »Wollen Sie,« sagte er, »wollen Sie jene Phrase hören? ... Sie sind mir viel zu gut dafür; ich habe mir geschworen, daß ich nie daran denken will, daß Sie ein Mädchen sind.«
Ich gab keinen einzigen Laut von mir; ich stand mit dem Blick nach innen gekehrt und maß kommende Jahre, – Jahre, in denen wir uns gegenseitig alle unsere Schätze geben würden, ohne jemals ärmer zu werden, Jahre, in denen es keine Scham und keine Reue gäbe, Jahre, in denen ich alle Leiden leiden würde ...