»Was haben Sie?« frug ich und heuchelte Interesse. Unter fortwährendem Lachen zog sie ein Zeitungsblatt aus der Tasche und strich es glatt. »Das ist ja zum Schießen, das müssen Sie lesen.«

Ich hatte einen Blick auf die Zeitung geworfen und sah, daß es ein französisches Blatt war. »Ich kann doch nicht Französisch,« sagte ich.

»Das habe ich ganz vergessen, ich lese es Ihnen vor.«

»Aber ich versteh' es doch nicht,« warf ich abermals ein.

»Ich werde es Ihnen übersetzen.« Dann stellte sie sich neben mein Bett und las mir eine Geschichte vor, die mich wütend machte. »Ich will nichts weiter hören,« erklärte ich nach einer Weile und hielt mir die Ohren zu. Darauf lachte sie überlaut.

»Das ist doch nur Verstellung. In Wirklichkeit können Sie das Ende kaum erwarten.«

»Ich will nichts weiter hören,« sagte ich entschieden, und weil sie noch immer nicht aufhörte, sprang ich aus meinem Bett, lief barfuß in das nebenanliegende Badezimmer und blieb dort eine lange Zeit. Als ich endlich wieder zurückkam, lag sie im Bett und tat, als ob sie schliefe.

Ich aber wußte, daß ein weiteres Zusammenleben unmöglich war. Am nächsten Morgen sprachen wir beide kein Wort. Sobald ich mich angekleidet hatte, verließ ich das Haus und suchte mir am entgegengesetzten Ende Londons ein anderes Zimmer.

Ich wohnte nun in der Nähe der Westminster-Abtei. Ich hatte von diesem Gebäude schon oft gehört, doch hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt, es zu besichtigen, und beschloß nun, die erste freie Stunde dazu zu benutzen.

Klopfenden Herzens stand ich schon an einem der nächsten Tage vor den grauen Mauern der ehrwürdigen Abtei und befand mich einige Minuten später unter dem Schwarm der Besucher, der die hohen Gänge füllte. Ich ging aber nicht wie diese herum, sondern blieb ganz still in der nächstersten Ecke stehen. Nie in meinem Leben hatte ich gefühlt, was ich jetzt fühlte. Ich befand mich wie unter einem Zauber – wie unter der persönlichen Berührung aller derjenigen, die hier vor mir gewandelt hatten – und längst Staub und Asche sind. Endlich rührte ich mich und schritt von einem Monument zum andern; aber ich schritt wie eine Schlafwandlerin und sah nur die unendliche Größe der Dinge, die Dinge selbst sah ich kaum. Nachdem ich fast die ganze Kirche durchschritten hatte, gewahrte ich plötzlich eine niedrige Holztüre, die geschlossen war, und es fiel mir ein, sie zu öffnen. Ich sah mich erst einige Minuten vorsichtig um, weil ich nicht wußte, ob es erlaubt sei (es ist erlaubt), öffnete sie dann rasch und trat hinaus. – Ja, wirklich hinaus, denn dahinter lag keine andere Kapelle mit den Särgen und Monumenten von Königen und Königinnen, wie ich erwartet hatte, sondern hinter dieser kleinen Tür lag ein ziemlicher großer viereckiger Garten, der zwar keine Blumen, aber einen sehr schönen Rasen hatte. Und dieser hellgrüne Fleck übte auf mich inmitten der hohen altersgrauen Mauern, die eine mehr als ein halbes Jahrtausend lange Geschichte erzählen, eine bezaubernde Wirkung aus. Es standen einige Bänke herum, und ich setzte mich nieder. Da die Kirche selbst früher ein Kloster war, so vermutete ich sofort, daß dieser Platz der Klostergarten gewesen sei, und im Geiste sah ich die Gestalten der Mönche, wie sie am Morgen aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer kamen, in ihren dunklen Gewändern langsam über den leuchtenden Rasen schritten und dann in der grauen Kirche zur Frühmette verschwanden. So oft ich später die Westminster-Abtei besuchte – und ich tat das sehr oft –, brachte ich erst den Grüften, dem uralten Krönungsstuhl, dem Stein darunter, von dem die Legende erzählt, daß es der Stein sei, auf dem Jakob seinen berühmten Traum geträumt habe, dem Dichterwinkel und noch vielen anderen herrlichen Dingen meine Ehrerbietung und Bewunderung dar. Dann aber folgte ich dem Zuge süßer Ungeduld, den ich schon die ganze Zeit über verspürt hatte, und schlüpfte durch das niedere Pförtchen in den Klostergarten. Während ich nun auf einer der Bänke saß und mit den Augen blinzelte, weil mich, aus dem Dunkel tretend, das Sonnenlicht blendete, dichtete ich oft ein schönes trauriges Liebesmärchen um einen ernsten, stolzen Mönch.