Einmal gab es einen großen Streit in der Küche, und darauf verließ das Stubenmädchen das Haus noch am selben Tage. Das neue Stubenmädchen war sehr blaß und klein, doch arbeitete es unermüdlich. Sie war immer gut zu mir, und darum hatte ich sie gerne, auch tat sie mir leid, weil sie so zart aussah. Einmal als die Köchin Ausgang hatte und wir allein in unserem Zimmer lagen, fing das Stubenmädchen auf einmal zu schluchzen an. »Was haben Sie?« frug ich sie. Nach einigem Zaudern erzählte sie mir, daß sie einen Bräutigam habe, der in einem Krankenhause für Lungenschwindsüchtige hoffnungslos danieder läge. Dann zog sie einen Brief hinter dem Kopfkissen hervor und reichte ihn mir. Bei dem ungewissen Licht der Kerze, die ich entzündet hatte, las ich die Zeilen. Tapfere und doch verzweifelte Worte eines Sterbenden, und dabei ein Gedicht, in dem die unendliche Sehnsucht nach Gesundheit, wie eine mächtige Woge tausend glitzernde Tropfen, tausend zarte und feine Gedanken mit sich trug.

»Sicher,« sagte ich und bemühte mich, meine Erschütterung zu verbergen, »sicher, er wird wieder gesund.«

»Nein, er ist dort, wo nur die Sterbenden liegen.« Ihre Augen waren tränenleer, und nur ihr Mund zuckte, als sie das erwiderte. Daraufhin löschte ich die Kerze aus, mir schauderte ...

Trotzdem ich selbst genug zu tun hatte, half ich ihr seit diesem Abend wo und wie ich nur konnte. Einmal aber fuhr sie mit einem Schrei aus dem Schlafe empor, und während sie wirr um sich blickte, sagte sie, sie sei sicher, »Er« habe sie gerufen. Den nächsten Tag erbat sie sich einen halben Tag Urlaub, doch sie kam nie wieder....

Nachdem ich auf der Stelle noch weitere sechs Monate gewesen war, trug ich eines Tages einen Brief zur Post, den ich einschreiben ließ. Der Brief war an meinen Freund gerichtet und enthielt den Betrag meiner Schuld. Noch etwas anderes enthielt der Brief: den Aufschrei eines zum Tode gequälten Herzens. Zum erstenmal berichtete ich von der Unerträglichkeit meiner Lage. Dieses Mal schrieb er mir sofort. Sein Brief war voll von Vorwürfen über das bisherige Verschweigen meiner Verhältnisse, das er Unaufrichtigkeit nannte. In dringenden Worten bat er mich, keine Stelle mehr anzunehmen, sondern mich ganz dem Lernen der englischen Sprache zu widmen und zu trachten, die Prüfung ablegen zu können. Das Geld, das ich ihm geschickt hatte, sandte er mir zurück mit dem Bedeuten, es vorläufig für mein Studium zu verwenden, weitere Sendungen würden folgen.

An dem Tage, an dem ich den Brief erhalten hatte, hatte ich Ausgang, und ich ging zu meiner Freundin ins Heim. Ich zeigte ihr den Brief meines Freundes, und sie drang ebenfalls in mich, sein Anerbieten ja anzunehmen. »Ich kenne die Männer,« sagte sie, »und ich weiß, daß dieser Mann es ehrlich mit Ihnen meint.« In dieser Weise sprach sie lange, und weil ich so gerne gelernt hätte, und eine neue Stelle der Köchinnen wegen fürchtete, sagte ich zu. Meine Freundin erzählte mir dann noch, daß sie daran gedacht hätte, das Heim zu verlassen, und schlug mir vor, mit ihr ein Zimmer zu nehmen, da das am billigsten käme. Der Vorschlag gefiel mir hauptsächlich der Billigkeit halber, und so kam es, daß ich wieder einmal meine Koffer packte und diesmal voll froher Hoffnung in ein Londoner boardinghouse zog. Der Gedanke, daß ich meinem Freund wieder Geld schuldete, bedrückte mich zwar, doch nahm ich mir vor, fleißig zu lernen, um die Prüfung im Englischen recht bald ablegen zu können, und dann? ... Ja und dann? ... Jähe stockten meine Gedanken. Die alten Kobolde waren auf einmal wieder da und höhnten und grinsten aus allen Ecken hervor. Mit aller Selbstbeherrschung, der ich fähig war, schüttelte ich jedes Denken an die Zukunft ab und lernte ...

In dem boardinghouse ging es recht bunt und lebhaft zu. Die Gäste gehörten verschiedenen Rassen an und sprachen verschiedene Sprachen. Da waren Inder mit weißen oder zart gefärbten Seidenturbanen auf den Häuptern; einige Chinesen, die aber ihre Zöpfe der europäischen Mode geopfert hatten; eine frühere Primadonna, die für die Bühne zu dick geworden war und immer Bilder aus ihren einstigen Rollen zeigte; ein blasser verlebter Mann aus der Schweiz, der sich über die Zustände in England bitterlich beklagte, weil er kein Mädchen finden konnte, das ihm ohne den üblichen Schwur beim Altar die eigene Wirtschaft führen wollte, wie er das in Paris so gehabt hatte; ein Deutscher, der fortwährend über das Essen schimpfte; und ein aufstrebender Musiker, der die Miete nie bezahlen konnte und jeden Samstag Selbstmord versuchte.

Trotzdem die Leute höflich waren und mir auch ganz gut gefielen, suchte ich dennoch keinen Anschluß. Anders aber gestaltete sich das mit meiner Freundin, die sich mit ihnen, besonders mit dem Unzufriedenen aus der Schweiz, in einer Weise unterhielt, die mich im Anfang erstaunte, später erzürnte und zum Schluß empörte. Ohne etwas zu sagen verließ ich oft das allgemeine Wohnzimmer, in dem sie gewöhnlich beisammen saßen, und setzte mich in unserm kleinen Stübchen auf mein Bett, bis meine Zimmergenossin heraufkam. Sie war dann immer recht heiter und erzählte eine Menge Geschichten, die ich früher im Heim nie von ihr gehört hatte und die mich an die Erzählungen der Köchin erinnerten. Ich gab ihr dann nur einsilbige Antworten, worauf sie gewöhnlich in sehr schlechte Laune verfiel und erklärte, ich sei sehr fad und verstünde keinen Spaß. Oft drängte sich mir eine scharfe Antwort auf die Zunge, doch ich zwang sie jedesmal zurück, weil mir noch im letzten Augenblicke einfiel, daß sie vielleicht recht habe und daß ich wirklich fad sei.

Ich suchte dann immer durch doppelte Zärtlichkeit mein Betragen gutzumachen und zeigte mich sehr belustigt über die Dinge, die sie mir dann wiedererzählte. In Wirklichkeit aber langweilten sie mich. Ich hätte viel lieber von Gedichten gesprochen; sie hatte mir aber einmal ganz unumwunden erklärt, daß sie sich für Gedichte nicht interessiere. So hielt ich die Komödie unserer Freundschaft aufrecht und hätte sie noch länger aufrecht erhalten, wenn sie nicht eines Abends etwas getan hätte, das dem für mich schon lange unerträglichen Zustande ein Ende machte.

Ich war eines Abends wieder einmal ziemlich früh in unser Zimmer gegangen und hatte sie in der Gesellschaft der anderen Gäste gelassen. Ich lag schon im Bett, als sie endlich heraufkam. Sie sah sehr erhitzt aus und schüttelte sich vor Lachen.