Meine Dame hatte schon lange die Absicht gehabt, ihre Tochter ins Ausland in ein Pensionat zu schicken, und sich ganz plötzlich dazu entschlossen. Sie wollte auch in dem großen Hause allein nicht wohnen und sagte mir, daß sie das Haus vermietet hätte und sie selbst längere Zeit auf Reisen ginge. Da mir vielleicht nur mehr fünfzig bis sechzig Kronen an meinem Ersparten fehlten und ich daher imstande gewesen wäre, das Geld in drei bis vier Monaten absenden zu können, schmerzte mich diese Mitteilung im ersten Augenblick auf das heftigste. Doch dann tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß ich vielleicht sehr schnell eine andere Stelle bekommen würde und das Geld dennoch in kürzester Frist absenden könnte.

So verließ ich das Haus, in dem ich achtzehn Monate in einer ganz eigenen Art glücklich und unglücklich war, und als ich mich in meinem Zimmer zum letzten Male umblickte, da kamen mir die Tränen in die Augen, und ich stieg die Treppe schluchzend hinab.

In London angekommen, ging ich wieder in das Heim, wo meine Freundin mich auf das allerherzlichste begrüßte. Sie freute sich sehr, daß ich nun wirklich in London bleiben wollte, doch mehr konnte sie für mich nicht tun. Meine allernächste Sorge war nun, eine Stelle zu finden, um von dem ersparten Gelde nicht zu viel zu verbrauchen. Ich wandte mich wieder an die Vermieterin, die mir meine letzte Stelle besorgt hatte. Nach den üblichen Begrüßungen und Erklärungen sagte sie: »Da Sie nun schon längere Zeit in England sind und auch ein Zeugnis von einer Engländerin besitzen, so dürfte es sicher nicht schwer fallen, etwas zu finden. – Was für eine Stelle möchten Sie denn gerne haben?« Ich dachte an die sechzig Kronen, die ich schon so gerne verdient hätte, und sagte darum, es sei mir ganz gleich, welche Stelle ich hätte, nur würde es mich sehr glücklich machen, etwas Gelegenheit zur Erlernung der englischen Sprache finden zu können. »Möchten Sie wohl,« sagte sie, »under nurse sein?« Ich hatte den Namen nie gehört und konnte mir daher von der Stelle keinen Begriff machen.

»Was ist das?«

»Etwas, das ich Ihnen sehr empfehlen kann. Sie werden nämlich genug Gelegenheit haben, Englisch zu lernen, da die head nurse eine Engländerin ist und mit den Kindern nur Englisch spricht.«

Daraufhin bat ich um alles Nähere, das sie mir bereitwillig gab.

»Am besten ist es,« sagte die Vermieterin, »wenn Sie jetzt selbst hingehen und sich vorstellen. Gefällt Ihnen die Stelle, so ist es gut, gefällt sie Ihnen nicht, so kommen Sie wieder zu mir.« Dann gab sie mir die Adresse und ich machte mich auf den Weg.

Es war ein recht weiter Weg, und als ich nach vielem Herumsuchen endlich an einem sehr hübschen Hause die Glocke zog, war ich todmüde. Ein nettes Stubenmädchen fragte mich nach meinem Begehr und bat mich dann, im Vorzimmer zu warten. Ich setzte mich auf einen der steifen Eichenholzstühle und hoffte heimlich, daß die Dame des Hauses noch sehr lange nicht kommen würde. Sie erschien aber bald und war sehr freundlich. Nachdem sie mir verschiedene Fragen gestellt, sagte sie mir zum Schlusse, ich gefiele ihr ganz gut, nur könne sie mich nicht annehmen, ehe mich die nurse gesehen hätte. Da aber die nurse mit den Kindern ausgegangen sei, so müßte ich entweder warten oder wiederkommen. Ich entschloß mich für das erstere. Allein gelassen betete ich im stillen, daß ich der nurse gefallen möchte. Endlich hörte ich johlende Stimmen herannahen. Gleich darauf trat die Dame ein und bat mich, nach oben zu kommen. Oben waren vier Knaben, ungefähr 5, 7, 9 und 11 Jahre alt, die sich zankten. Eine sehr magere Frauensperson, in der ich richtig die nurse vermutete, versuchte Ruhe herzustellen, ein Unternehmen, das aber erst nach dem Hervorholen eines Stockes erfolgreich war, als alle vier gleichzeitig die schützende Weite suchten. Die nurse stellte den Stock wieder vorsichtig in eine Ecke und hörte aufmerksam den Auseinandersetzungen der Dame zu. Sie blickte mich einige Male an, und mit großer Erleichterung glaubte ich wahrnehmen zu können, daß ich ihr gefiel. Die Dame erklärte mir dann, was ich zu tun haben würde, und mir wurde bange, je länger sie sprach. Als sie mich dann zum Schlusse fragte, ob mir alles recht sei, da dachte ich wieder an die sechzig Kronen und erklärte, mir sei alles recht.

Zwei Tage später trat ich meine neue Stelle an. Hatte ich von der Stellung einer »under nurse« bisher keine Vorstellung gehabt, so sollte ich nun bald eine erhalten. Wie ich sehr schnell herausfand, war ich von den vier Dienstmädchen des Hauses die niedrigste, und jede der drei anderen ließ mich das fühlen.

Da ich auch der Sprache nur unvollkommen mächtig war und weder das Stubenmädchen noch die Köchin Ausländerinnen leiden konnten, so neckten und höhnten sie mich bei jeder Gelegenheit. Auch legten sie mir alle möglichen Arbeiten auf, die sie selbst nicht tun wollten, wie Kohlentragen und dergleichen mehr; um mit ihnen auszukommen tat ich alles. Doch schrecklicher als der Tag war in diesem Hause die Nacht. Ich hatte nämlich mit dem Stubenmädchen und der Köchin in einem Zimmer zu schlafen und biß oft die Zähne zusammen, wenn ich an mein stilles Zimmerchen in Marlow dachte. Die beiden Mädchen unterhielten sich gewöhnlich bis Mitternacht; sie erzählten sich gegenseitig von ihren Liebschaften, die sie je gehabt hatten, und sie nannten dabei, ich bin sicher, alle männlichen Taufnamen im Kalender. Diejenige, die ich am meisten fürchtete, war die Köchin. Sie war ungemein roh und hob oft die Hand, als ob sie mich schlagen wollte, wenn ich etwas nicht schnell genug oder nicht zu ihrer Zufriedenheit machte. Doch jeder Leidensbecher enthält ein Tröpflein Freude, und mein Glück bestand in dem Ausgang der Köchin und in ihren Liebesbriefen. So oft sie nämlich einen Brief von einem ihrer vielen Verehrer erhielt, war sie sogar zu mir liebenswürdig. Einmal hatte ihr ein Soldat eine silberne Brosche geschenkt, und sie war den ganzen Tag so gut zu mir, daß ich sie am Abend fast gerne hatte. Verflossen aber einige Tage, ohne daß sie von dem einen oder dem andern hörte, so kannte ihre Tücke und ihre Bosheit keine Grenzen. Hatte ich in Marlow immer auf den Briefboten gewartet in der Hoffnung, daß er etwas für mich haben würde, so wartete ich nun, und wenn das möglich ist, mit noch größerer Sehnsucht als damals auf ihn, in der Hoffnung, daß er etwas für die Köchin haben möchte. Und an dieser Stelle danke ich allen Polizisten, Soldaten, Milchmännern, Fleischhauern und anderen, die so glücklich waren, das Wohlgefallen der Köchin zu erregen, für die ziemlich vielen Karten und Briefe, die sie ihr sandten und mit denen sie, ohne daß sie es wußten, auch mich glücklich gemacht haben ...