Seine Briefe kamen nur selten, doch in letzter Zeit enthielten sie immer Vorwürfe über meine anscheinende Zeitverschwendung. »Sind Sie denn,« so schrieb er, »nach England gegangen, um Kochen zu lernen? Dazu hätten Sie wahrhaftig nicht nötig gehabt, nach England zu gehen. Sie wissen, daß ich so gerne beitragen möchte, Ihre Bildung und somit Ihr Talent zu fördern, und ich bitte Sie, die Stelle, die Sie jetzt innehaben, sofort aufzugeben und sich in London, sagen wir, etwas für den Vormittag zu suchen und den Nachmittag für Ihr Studium zu verwenden. Selbstverständlich sorge ich dann für Ihr Unterkommen usw.« So lockend aber auch der Vorschlag für mich war, so konnte ich mich doch zu einem solchen Schritte nie entschließen, und seufzend kehrte ich immer wieder zu meinen Töpfen und Pfannen zurück. Aber es war mir zumute, wie dem Büblein im Lesebuch, das immer sagte:
»Wenn nur was käme und mich mitnähme!« Aber es kam nichts.
Ein Monat verging nach dem andern, und ich fühlte mich oft körperlich recht müde. Nach und nach wurde auch mein Herz müde, und endlich verweigerte es zu zittern, wenn die Glocke ging, und ein vorschneller Gedanke frug: Ist es »er«? Aber noch wartete ich, wartete vor der Schwelle seines Herzens, bis sich die Türe auftun würde und er heraustreten würde: Güte auf den Lippen, Erfüllung in den Augen ...
Und dann wieder kamen Stunden, in denen ich fast bereute; Stunden, in denen meine heimlichsten Gedanken sich zu verkörpern schienen und mit spöttischen Gesichtern vor mich traten. »Warum bist du denn eigentlich fort von ihm?« höhnten sie oft. Ja, warum war ich denn eigentlich fort von ihm? ... Natürlich, um andere Leute und Verhältnisse kennen zu lernen ... Hatte nicht er es so genannt? Hatte nicht ich so gewollt? – Gewollt? – Und als auf diese Frage jeder Blutstropfen verneinte, frugen dieselben fürchterlichen Stimmen wieder: »Und wenn du nicht fort wolltest, warum bist du denn gegangen?« – Und ganz urplötzlich wußte ich es, und meine Wangen lernten eine neue Röte und mein Herz lernte eine neue Qual. – So im Hader mit mir selbst verging die Zeit.
Es war einmal in einer Nacht, in der ich nicht schlafen konnte, trotzdem ich den ganzen Tag gelaufen und gearbeitet hatte, daß ich mit offenen Augen lag und sann und sann, bis alle guten und alle bösen Geister um mich waren. – Wie mit hundert Händen griffen sie in meine Gedanken, zogen und zerrten, suchten und wühlten, zerrissen und banden; und als sie fort waren, da tanzten feurige Buchstaben durch das dunkle Zimmer, die sich endlich zu einer Frage formten, und die Frage hieß: »Darf ich wiederkommen?« – Warum nicht? schrie ich und ballte die Fäuste gegen die glänzenden Zeichen. Ist unsere Freundschaft nicht so rein, so fein, so wunderbar, – und da wuchs um jeden Buchstaben ein Kranz von Flammen, und als ich wieder hinblickte, da stockte mein Atem. »Eben darum,« hieß es, und hinter der Schrift lag ein vornehmer ruhiger Schein. Aber ich wollte die Schrift und den Schein nicht sehen und schloß die Augen, wie ein eigensinniges Kind. Dieser Nacht folgte eine andere und eine andere. Nach und nach schienen sich alle Dinge um mich mit den Ungeheuern verbündet zu haben; mein eigenes Selbst schien höhnisch auf mich einzudringen und griff mit frechen Fingern nach dem Stück verborgenen Hoffens, das ich noch immer nicht übergeben wollte.
In solchen Augenblicken aber kam er mir zur Hilfe. Wie durch einen Zauberschlag stand er mitten unter den geifernden Kreaturen, und seine Gestalt überragte die größten unter ihnen.
»Glauben Sie an mich?« frug er, und sein Gesicht zeigte das gütige Lächeln und den besorgten Blick. – »Ja, ich glaube,« sagte ich. – Und dann hielt ich die Worte hoch, wie ich oft den Priester in der Kirche die goldene Monstranz heben sah, und wie damals alles Volk niedersank, so sanken jetzt meine Quälgeister in nichts zusammen und wurden still. –
Mein Freund wußte nichts von alledem. Wie wir früher bei unserem persönlichen Verkehr jedes Wort vermieden, das unser heimlichstes Denken hätte bloßlegen können, so waren auch unsere Briefe immer kühl und ruhig, und nur hie und da war vielleicht eine Zeile, die Sehnsucht oder Schmerz nicht ganz verbergen konnte.
Aber von diesen Zeilen lebten wir – ich wenigstens. – An diesen Zeilen hing meine ganze Seele, aus diesen Zeilen trank sie alle Süßigkeit und alle Stärke, deren sie bedurfte, um den oft widerwilligen Körper zur Pflicht zu überreden.
Und so kam es, daß ich manchesmal fast glücklich war. Daß ich mit einem Lächeln in den Augen die kupfernen Töpfe putzte, bis sie blank waren, und selbst die Kälte nicht fühlte, wenn ich an einem Januarmorgen vor dem Hause kniete und die Stufen weißte. Am schönsten aber war es, wenn ich des Abends nach meiner kleinen Sparkasse griff und ihren Inhalt auf mein Bett streute. Dieses Geld war mein größter Schatz. Ich verbarg es immer so ängstlich und weiß nicht, was ich getan hätte, wenn es mir durch irgendeinen Zufall verloren gegangen wäre. Ich war fest entschlossen, die Stelle zu verlassen, sobald ich alles Fehlende verdient hatte und noch eine kleine Summe darüber, die es mir möglich machen würde, im Heim zu wohnen, bis ich etwas Passendes gefunden hatte. Doch es kam früher als ich dachte.