»Wo haben Sie es denn hingegeben?« frug ich leise.

Darauf schloß sie die Augen, als ob sie nachdächte, und sagte: »In Paris ist ein Haus, wo man jedes Kind abgeben kann, ohne etwas zu bezahlen oder einen Namen nennen zu müssen.«

»Und dorthin –?«

Sie nickte mit dem Kopfe und lehnte sich müde auf das Bett.

»Sie müssen ja wahnsinnig gewesen sein – Nun können Sie ja das Kind nie mehr finden.«

Sie schüttelte heftig den Kopf. »O ja, ich kann es wiedererkennen. Jedes Kind bekommt bei der Aufnahme einen kleinen Reifen aus Eisen um das Handgelenk, und an dem Reifen hängt eine Nummer.«

Ich schwieg, und weil es eben zum Abendessen läutete, schritten wir hinunter. Wir aßen beide fast nichts, und als später das Lied gesungen wurde, da hörte ich wieder nur die leisen, schwermütigen Töne neben mir. Den ganzen Abend sprachen wir nichts mehr über die Angelegenheit. Ich beschäftigte mich mit Packen und ging spät zu Bett. Schlafen konnte ich nicht, ich richtete mich mehrere Male leise im Bette auf und blickte auf meine Freundin. Sie lag ganz ruhig, und ich glaubte, sie schliefe. Endlich fielen auch mir die Augen zu, und im Halbschlummer sah ich ein kleines Mädchen, das in einem schmutzigen Hofe spielte ... es hatte die großen, glänzenden Augen meiner Freundin ... es hatte das reiche braune Haar meiner Freundin, aber um das Handgelenk trug es einen kleinen Reifen, und an dem Reifen hing eine Nummer....

Meine Verhältnisse wurden nun wieder die alten. Wie früher scheuerte ich die Böden, wusch die Wäsche und besorgte die Küche. Ich dachte dabei oft an meine Freundin in London und hegte heimlich den Wunsch, in ihrer Nähe zu sein. Doch eines Umstandes halber verwarf ich diesen Wunsch immer wieder. Ich hatte mir nämlich fest vorgenommen, meinem Freunde das Geld zurückzuschicken, das ich ihm schuldete. Selbstverständlich war das nicht leicht für mich, da ich nur dreißig Schilling als monatlichen Lohn erhielt und davon auch noch meine Eltern unterstützte. In letzterer Zeit hatte ich das allerdings nicht mehr zu tun, da sich die Verhältnisse zu Hause gebessert hatten und ihnen überdies auch mein Bruder nicht mehr zur Last war. Meine Eltern hatten lange nichts mehr von ihm gehört. Sie wußten nur, daß er den ihm verhaßten Beruf eines Kellners aufgegeben hatte, um jenseits des Ozeans in einer anderen Betätigung sein Glück zu suchen. Vor kurzem schrieb mir mein Vater, daß ihm ein deutsches Zeitungsblatt aus Brasilien zugegangen sei, das Mitteilungen über die kühne Luftfahrt eines Aviatikers Aranya enthielt. Am Rande dieser Beschreibung standen die Worte: »Besten Gruß Euch allen. Solange ich mir nicht das Genick breche, geht es mir gut. Karl.« Zu dem oben angeführten Zwecke sparte ich alles Geld, das ich aus den dreißig Schillingen erübrigen konnte, und der Gedanke, meinen Freund mit der Sendung des Ganzen überraschen zu können, machte mich ungemein glücklich.

Hätte ich nun meine Stelle aufgegeben, um in London mir eine andere zu suchen, wäre immerhin ein Teil der Summe daraufgegangen, und ich wollte mich von keinem Penny trennen.

Selbstverständlich schrieb ich meinem Freunde nie etwas über diesen Gegenstand, sondern berichtete stets nur über meine Beschäftigung und dergleichen.