»Die Rebenbäckerin« von Wilhelm Fischer-Graz ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus Wilhelm Fischers Buch »Unter altem Himmel« (München: Verlag von Georg Müller).

Ottomar Enking:
Das Kriegerfest in Wettorp

Wenn Thomas Mann der Dichter des niederdeutschen Patriziertums ist, so ist Ottomar Enking der berufene Schilderer des niederdeutschen Kleinbürgertumes. Beide Gesellschaftsschichten umspinnt die leise Tragik: stehen geblieben zu sein, überholt zu sein von einer Zeit der lärmenden Maschinen, der konzentrierten Kräfte und des gesteigerten und gehetzten Lebenstempos. Herrisch verfolgt diese Zeit ihr Ziel und schreitet unerbittlich über die kleinen gedrückten oder verzweifelt aufbegehrenden Existenzen hinweg: über verstörte Patriarchen, die »die Welt nicht mehr verstehen«, und über sehnsüchtige Mädchenseelen, die am Zwiespalt zwischen der beengenden Überlieferung und der lockenden Freiheit zerbrechen. In die behagliche Selbstgenügsamkeit und behäbige Selbstzufriedenheit, mit der sich die Gestalten der Reuterzeit bewegten, kommt nun ein weher Ton wie von einer Glocke, die zersprang. Denn das Gefühl des Überholtseins gibt Bitterkeit oder, vom Betrachter aus, Ironie. Das Genrebild geht durch die Schule der naturalistischen Impression, die Beobachtung wird exakter, schärfer, unbeirrter, erreicht eine verblüffende Fertigkeit, Dinge, Geräusche und Bewegungen sinnfällig zu machen, und stellt die Alltagstypen der deutschen Kleinstadt greifbar nahe und unauslöschlich vor uns hin: mit einem wehmütigen Humor, der zugleich mitfühlende Liebe und ironische Überlegenheit ist und der ihren Untergang ohne jede Sentimentalität verklärt. Enking, der früher Schauspieler, dann Redakteur war und jetzt als freier Schriftsteller in Dresden lebt, ist seiner Geburtsstadt nach Kieler (er wurde dort am 28. September 1867 geboren). Einzelne seiner Werke, so der Roman »Johann Rolfs«, spielen sich auch auf Kieler Boden ab; für seine Hauptwerke ist jedoch Wismar das, was Lübeck für Manns »Buddenbrooks« ist: es ist das »Koggenstedt« jener Romanfolge, als deren Meisterstück mit Fug und Recht die » Familie P. C. Behm « gilt.

L. Adelt.

Gauting,
im September 1913.

Das Kriegerfest in Wettorp.

Viele, viele Nachtsitzungen hatte das »Geschäftsführende und Hauptkomitee für das zwanzigjährige Stiftungsfest des Kriegervereins von Wettorp und Umgegend sowie die Enthüllung des Denkmals für Kaiser Wilhelm den Großen« im Landhause abgehalten, viele Vornotizen und Hinweise hatten in den »Wettorper Nachrichten« gestanden, und viele eifrige Straßenunterhaltungen über das Fest und das Denkmal waren von den patriotischen Bürgern Wettorps gepflogen worden. Ja, viel, viel war geschehen, bis endlich der ersehnte Augusttag erschien, der Wettorp in einen noch nie dagewesenen Rausch und Jubel versetzte. Schon am Abend vorher, am Freitage, kamen die fremden Gäste, denn die ganze Umgegend war eingeladen. Die Straßen waren schön geschmückt, Girlanden hingen quer von Haus zu Haus, und unter ihrer Mitte schwankten bemalte Tafeln mit sinnigen Kernsprüchen.

Am Sonnabend, morgens um 6 Uhr, zog der Ortsmusikus mit seinen Trommlern, Bläsern und Klarinettisten durch die Straßen des Ortes; das war der »Weckruf«, wie es im Programm hieß. Die braven Kriegervereinsmitglieder ärgerten sich zwar über das frühe Getute, aber ohne Reveille läßt sich ja nun einmal kein Kriegerfest feiern, und deshalb beruhigten sie sich und schliefen wieder ein.

Um 9 Uhr gab es eine große Sehenswürdigkeit: der Neustädter Militärverein hielt nämlich seinen Einzug. Er hatte seine eigene Kapelle mitgebracht, die der Ortsmusikus allerdings als eine Gesellschaft Bremer Stadtmusikanten bezeichnete; aber es war doch etwas besonderes, was sich die Neustädter leisteten, und die Militärvereinsmitglieder blickten stolz um sich herum, während sie im strammen Takte vorwärts marschierten. Sie hatten wahrhaftig auch alles Recht, stolz zu sein, denn außer der Musik trabten vor ihrem Zuge noch drei feurige Rappen, auf denen Herolde saßen. Diese drei Männer hatten sich großartig bunt kostümiert und wilde Bärte ins Gesicht geklebt, die freilich immer herabfielen, weil sich der Gummi vom Schwitzen auflöste. Aber wenn auch die Bärte so oft auf ihren Sattel niedersanken, daß sie sie schließlich beiseite unter das Volk warfen: Herolde waren sie deshalb doch mit ihren Heroldsstäben in der Hand, den grauen Schlapphüten auf dem Kopfe, den Wappenwämsern um die Brust und den hohen Stiefeln an den Beinen. Sie fühlten ihre Würde und stützten ihre Stäbe in die Seiten, wie sie es wohl im illustrierten Sonntagsblatte bei Bildern von Königen gesehen hatten.

Ihre Pferde waren nicht minder frohgemut, daß sie heute, anstatt den Roggen einzufahren, als edle Araber durch Wettorps Straßen hindurch angestaunt wurden. So achtunggebietend zog der Neustädter Militärverein in den Festort ein.