Im Laufe des Sonnabendmorgens versammelten sich also wohl an die vierhundert Krieger in Wettorp, alte und junge, und die alten trugen ihre Zylinder vom Jahre 1848. – Um 11 Uhr begann der »offizielle Frühschoppen mit Musik« im Landhause. Der Ortsmusikus ließ blasen, was die Trompeten halten konnten; er hatte ein außergewöhnlich patriotisches Programm zusammengestellt, das denn auch von den Kriegern vollauf gewürdigt wurde.

Währenddessen war die kleine Mieze Stamm, des Landhauswirts Tochter, die dazu auserkoren war, als Germania bei der Denkmalsenthüllung das Festgedicht zu sprechen, in ihrem Stübchen sehr beschäftigt. Schon um 12 Uhr hüllte sie sich unter dem Beistande der Wirtschafterin in den weißen Germania-Mantel, den sie sich selbst zurechtgeschneidert hatte; sie ließ sich frisieren mit Locken an den Seiten, und die Flut des lichten Haares fiel wellig über ihre Schultern. Dann wurden die bis zum Ellenbogen freien Arme mit goldenen Armbändern aus poliertem Messing geschmückt, und auf das Haupt drückte ihr die Wirtschafterin das Diadem mit dem größten und buntesten Edelsteine, der aus der Maskengarderobe zu entleihen gewesen war. Majestätisch sah die kleine Mieze aus, und sie freute sich auch erst ihres Spiegelbildes; aber dann kam die Angst über sie, und bleich und zitternd ging sie umher und murmelte immer und immer wieder, daß nun der schöne Tag gekommen sei. Essen konnte sie nichts.

Genau um ein Viertel vor drei Uhr fuhr der alte Kutscher Engel mit seiner Kalesche vor, und tief aufseufzend, mit einem Stoßgebet an den lieben, lieben Gott, stieg die Germania in den Karren, der sie zum Richtplatze führen sollte. Sie kam auf dem Markte an, wo es schon ganz voll von Leuten war, und wurde vom Ortsvorsteher sogar dem Herrn Geh. Regierungsrat v. Zabrowski und dem Herrn Regierungsassessor v. Schmidt vorgestellt, die die allergnädigste Miene machten, weil sie doch bei der Denkmalsenthüllung die Vertreter der hohen Regierung und des Kaisers bildeten. Der Regierungsassessor konnte es sich freilich trotz seiner hohen Würde nicht versagen, nach Miezes rundem Arm zu schielen. Der Geh. Regierungsrat indessen war ganz nur Vertreter Seiner Majestät. Die hohen Herren, der Ortsvorsteher, die Gemeinderäte, die Schulbehörde und die Geistlichkeit, die Herren vom Komitee und Mieze Stamm stellten sich unter dem Thronhimmel auf, der dem noch verhüllten Denkmal gegenüber erbaut war. Der Thronhimmel bestand aus vier Stangen, über die oben Leinwand gezogen war, und das ganze hatte Gärtner Meyer mit Laub bewunden.

Der Ortsvorsteher blickte prüfend in die Runde, ob auch alles in Ordnung sei. Rings auf dem Markte, in einiger Entfernung von dem Denkmal, hatten sich die Kriegervereine aufgestellt, die Fahnen wehten über den Zylindern der Kameraden. Links von dem Thronhimmel standen die vereinigten Gesangvereine, und alles war so ruhig und feierlich, daß es dem Ortsvorsteher ordentlich zu Herzen ging. Er hatte seinen Hochzeitsfrack heute nicht umsonst angezogen, das fühlte er deutlich. Er sah also in die Runde, und sein Blick fiel auch auf die zwei Sitzreihen, rechts vom Denkmal, auf denen die Honoratiorenfrauen des Ortes in ihrem besten Staate saßen, und auf den alten Orts- und Polizeidiener Pilgerim, der da stand und die Schnur hielt, mit der die Hülle des Denkmals nach oben zusammengerafft wurde. Alles war in Ordnung. Der Ortsvorsteher nahm seinen Zylinder ab, rieb sich mit dem Taschentuche die Tropfen von der Stirn, trat vor und verbeugte sich nach der Seite, auf der sich die hohen Herren befanden. Der Geh. Regierungsrat nickte, der Ortsvorsteher winkte den Sängern, der Ortsmusikus, der alles einübte, was in Wettorp an Gesang- und Orchesterkunst geleistet wurde, hob den Taktstock, und es ertönte prachtvoll: »Seht den Sieger …«

Alle waren ergriffen. – Als der Gesang sein Ende gefunden hatte, verbeugte sich der Ortsvorsteher wieder, wischte sich nochmals die Stirn und begann seine Festrede: daß er die hohe Ehre habe, die Vertreter Seiner Majestät unseres allergnädigsten Kaisers und einer hohen Regierung untertänigst und ehrfurchtsvollst zu begrüßen, und daß es eine hohe Ehre für den Ort sei, einen solchen Tag feiern zu können. Er wies hin auf die zusammengeströmten Scharen der ehemaligen Krieger, und angesichts dieses Denkmals fordere er sie alle auf, den Treueschwur zu erneuern für Kaiser und Reich. Er schloß damit, daß er die hohen Vertreter einer hohen Regierung bat, Sr. Majestät den Ausdruck der unwandelbarsten Liebe Wettorps zu überbringen.

Der Geh. Regierungsrat trat nach dieser Rede vor, nahm den feinen Hut ab, steckte einen Augenblick den zweiten und den mittleren Finger zwischen den obersten und den zweiten Frackknopf und fing nun an: »Mein lieber Herr Ortsvorsteher! Verehrte Festgenossen und Kameraden! Als Vertreter der Regierung Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers, Königs und Herrn bin ich hierher gekommen, um an dem nationalen Ereignisse, das dieser Tag für Wettorp darstellt, teilzunehmen. Es hat die hohe Staatsregierung mit außerordentlicher Befriedigung erfüllt, daß nun auch in Wettorp durch das einmütige Zusammengehen aller gutgesinnten Bürger ein Denkmal für seine hochselige Majestät Kaiser Wilhelm den Großen errichtet werden konnte. Der Opfersinn der Bürger ist der beste Beweis dafür, daß der Geist des Umsturzes (er sprach das Wort mit harter, erhobener Stimme, und der Regierungsassessor runzelte finster die Stirn dabei), daß dieser Geist der Vaterlandslosigkeit und der Verachtung alles Ehrwürdigen und Großen keine Stätte in Ihrer blühenden Ortschaft gefunden hat. Möchte es so bleiben! Möchten Sie sich stets bewußt sein des innigen Zusammenhanges zwischen der Krone und dem Staatsbürger, jenes Zusammenhanges, der Preußen groß gemacht hat und der jetzt auch diese Provinz mit seinem Segen überströmt. Ich sehe hier die tapferen Veteranen, die in den Schlachten gestanden und dem Tode getrotzt haben für die Freiheit Schleswig-Holsteins, ich grüße diese Männer, die für die edelsten Güter ihres Vaterlandes alles hinzugeben bereit waren. Wenn ich daher meiner leider notwendigen frühen Abreise wegen schon jetzt dem festgebenden Vereine, dem Kriegervereine für Wettorp und Umgegend, meine aufrichtigsten Glückwünsche zu seiner zwanzigjährigen Stiftungsfeier ausspreche im Namen einer hohen Staatsregierung, so bin ich mir bewußt, daß solche Glückwünsche an keiner besseren Stätte zum Ausdruck gebracht werden können, als an dieser, wo, jetzt noch verhüllt, bald aber als ein glänzendes Wahrbild des Patriotismus, das Kaiserdenkmal aufragt. Halten Sie fest, das bitte ich Sie in dieser erhebenden Stunde, an dem nationalen Gedanken, seien Sie eingedenk des hohen Berufes, den die Kriegervereine zu erfüllen haben: ein Bollwerk zu bilden wider die Macht eines unterminierenden, destruktiven Geistes (das kam wieder mit erhobener Stimme heraus, und der Regierungsassessor, der so lange auf Miezes Arme geblickt hatte, reckte sich hoch auf und zog die Brauen drohend zusammen). Mögen Sie noch oft Ihr Stiftungsfest im Kreise Ihrer anderen Kameraden von nah und fern so schön und von allen Umständen so begünstigt begehen wie heute. Das sind unsere Glückwünsche. – Jetzt aber (er trat weiter vor, und der Regierungsassessor blieb immer einen Schritt hinter ihm) lassen Sie uns die Hülle von dem Denkmal gleiten sehen (Ortsdiener Pilgerim faßte das Tau fester und sah unverwandt zu seinem Vorgesetzten, dem Ortsvorsteher, hin), mit dem Gelöbnis, daß wir nie vergessen wollen, was Kaiser Wilhelm der Große für uns und besonders für unsere engere Heimat getan hat und gleich ihm sein erhabener Enkel, unser allergnädigster Kaiser, König und Herr. Wir fassen daher alle unsere Hoffnungen, alle unsere Gefühle, unsere ganze vaterländische Gesinnung in dem Rufe zusammen (der Ortsvorsteher erhob den Zeigefinger, Ortsdiener Pilgerim paßte mit allen Seelenkräften auf): Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser, König und Herr – Hurra! Hurra! Hurra!«

Ortsdiener Pilgerim riß an der Schnur, so stark er nur konnte, die Leinewand flog davon, und im Sonnenschein grüßte die eherne Büste mit dem mildig ernsten Gesichte des alten guten Kaisers von dem blanken granitenen Sockel herab. Die Musik blies Tusch auf Tusch, die alten und jungen Männer riefen Hurra, die Hüte waren von den Köpfen gerissen. Die Frauen waren aufgestanden und schwenkten ihre Tücher, die Fahnen wehten.

Dann stimmte der Ortsmusikus an: Deutschland, Deutschland über alles, und alle sangen voll wahrer Inbrunst mit; die Frauen weinten vor Rührung. Und alle blickten auf zu dem neu enthüllten Bildwerk. Am lautesten aber sangen hinter der festlichen Schar die Wettorper Jungen, die vorhin schon ein ganz gewaltiges Hurrageschrei angestimmt hatten.

Der Ortsvorsteher atmete auf, daß alles so gut gegangen war. Er hatte immer gefürchtet, Ortsdiener Pilgerim möge nicht schnell oder stark genug ziehen oder das Tau möchte sich verwickeln, oder es möchte sonst irgend etwas geschehen, was die Feier störte.

Als der Gesang verklungen war, trat die kleine Germania-Mieze, die auch so gerührt war von den schönen Reden und von des alten Kaisers freundlichem Gesichte, erst ein wenig zaghaft, dann aber tapfer vor und deklamierte ihr Gedicht. Und es klang so brav, wie die Kleine es hersagte in ihrer natürlichen, herzlichen Weise, und sie legte den Ton auch immer auf die Hauptstellen, und andächtig lauschten alle rings im Kreise auf Kaiser … Reiser … Gut und Blut … Todesmut … Vaterland … Herz und Hand. – Mieze kam so in Begeisterung bei ihrem Sprechen, daß ihre frischen Wangen glühten. – Am Ende ihres Gedichtes legte die Germania einen hübschen Lorbeerkranz mit blau-weiß-roter Schleife am Fuße des Denkmals nieder und knickste zierlich, als der Geh. Regierungsrat zu ihr kam und ihr die Hand gab, um sie zu beglückwünschen zu ihrem schönen Erfolg. Auch der Regierungsassessor bekam ein Patschhändchen ab.