Protestierte der, so fielen die anderen über ihn her: »Sie kommt jetzt dran, lassen Sie's eahm doch, Sie können's ja später lesen!« Und der Herr Buchhalter bekam sie jedesmal, klein gekriegt hatte er noch jeden.

Vom Beginn des Essens bis zum Schluß las er. Er löffelte hinter der Zeitung seine Suppe, er stocherte mit der rechten Hand im Essen, links hielt er sein »Bladl« – er war kein großer Esser, aber Roten trank er gern und viel.

Nicht etwa, daß er während des ganzen Mahles geschwiegen hätte! Er liebte es, einige Pointen aus der Zeitung zuerst halblaut, dann ganz laut zu lesen, mit Bemerkungen wie: »Dös is do' zu narrisch, jetz' ham's im Landtag …« und er heischte Repliken von der Tischgesellschaft. Keinen Widerspruch, aber Anteilnahme. Fiel diese zu lahm aus, so rief er wohl: »Schlaft's denn heut alle? San dös Mannsbilder!« Auch die Neuigkeiten des kleinen Ortes stieß er unter dem Lesen hinter der Zeitung heraus, kurz, bissig, mit einem eigentümlich meckernden Lachen.

Er sah es als Beleidigung an, wenn der Tisch Neues wußte und nicht verriet. Wußten die »Untern« etwas, so fing ein leises Gesäusel am Tisch an, das ihn zuerst nicht irritierte, denn das kam, in schicklichen Grenzen, hie und da vor; aber wenn es vernehmbarer wurde, spitzte er die Ohren, und sein Schopf, das Ende der Zigarre und dann die Äuglein kamen nach und nach hinter der Zeitung zum Vorschein. Das war das Signal zum Ausbruch, und nun wollte jeder mit der Neuigkeit herausplatzen, bis er endlich einen direkt darum anredete. Dann war's aber immer noch kein leichtes; man mußte die richtige Form finden, witzig sein, besonders wenn es Weibergeschichten waren. Trug man die nicht gut vor, so raunzte er wohl: »Machen's an Spektakel wegen aner solch'n Bagadelln!«

Er war ein ausgesprochener Weiberfeind und sprach nur mit äußerster Verachtung von den Frauen. Zum Saubermachen, zum Putzen und »Nah'n« kann man sie brauchen, meinte er, »aber net amal 's Kochen verstehngen's – i mog mi net ärgern!«

Und als einmal ein Vorwitziger rief: »Aber 's Kinderbringen!« entgegnete er nicht ohne Würde: »O na, mei' Liaber, grad dös verstehngen heutigen Tags die wenigsten; drum, i sag's net umasunst, sie san verpfuscht um und um, und net der Müah wert, daß d' über sie red'st.« Wußte er von einem der »Untern« etwa, daß er verliebt war, so war der vor seinen bissigen Bemerkungen nicht sicher; ängstlich hielten sie drum alles geheim, was mit der Liebe zusammenhing. Als der Bahnmeister sich verlobte, blieb er lieber von der Post weg, anstatt sich seinen Spötteleien auszusetzen, und ging in weitem Bogen um den »Pascha von der Mühle«, wie sie ihn unter sich nannten, herum.

Da rieb er sich schmunzelnd die Hände. Feiner und größer war noch keiner seiner Triumphe gewesen. »Secht's 'n?! – und solche Mannsbilder seid's allz'samm'!« Bei solchen Vorkommnissen liebte er es, weit über seine Zeit sitzen zu bleiben, und weit über sein Maß zu trinken, das immer sehr respektabel war. Der Zustand der Bärbeißigkeit schlug nach zwölf Uhr in den der Jovialität um; er erzählte mit halb krähender, halb kichernder Stimme, immer dabei die Zigarre mit der Spitze gen Himmel streckend, dem ganzen, vor Vergnügen wiehernden Gastzimmer alle möglichen Liebesgeschichten. Besonders die seiner Tischrunde. Es begann etwa mit: »Da sitzt a aso Oaner10 «, und endete mit: »werd scho' 'no schaug'n, so a Gimpel, so a verliabter.«

In der Nacht hatte dann die Korona das Vergnügen, ihn nach Hause zu geleiten, und es gehörte zur süßesten Erfüllung aller schlummernden Rachegelüste, wenn sie den Lallenden, Schimpfenden und Wankenden durch einen gelinden Stoß, den er in seinem Zustand nicht bemerkte, im Winter in den Schnee, im Herbst und Frühjahr in den Schmutz und im Sommer in den Staub werfen konnten. Niemals waren sie ausgesöhnter mit ihrem Schicksal, und niemals fühlten sie sich dem Pascha überlegener.

Singend, pfeifend und laut lachend zogen sie durch die Gassen, und sogar den nächsten Morgen hielt die Kampfstimmung noch an – es war beinah' wie zur Zeit der Saison, wo alle Bande auseinander gingen, wenn die Fremden kamen: wo sich die Unterschiede verwischten, die beiden Stühle nicht leer bleiben durften, wo sie alle eng gedrängt sitzen mußten und laut reden durften, so wie ihnen der Schnabel gewachsen war, denn in dem allgemeinen Geräusch ging das bißchen Lärm, das sie machten, so wie so unter.

Dann saß er am Tisch, förmlich gekauert unter der Zeitung. Nie warf er einen Blick vor, nie grüßte er jemanden, nie sprach er während der Zeit. Der Ingrimm häufte sich so in ihm, daß er sichtbarlich magerer wurde, nichts mehr aß und ganz gealtert aussah. O, wenn er sie alle hätte vertilgen können! Alle, alle! Und jährlich wurden's mehr, und keiner war unter ihnen, der sich auch nur um ihn kümmerte! Er sehnte den September herbei, als die Zeit der Erlösung, und wenn der letzte den Rücken gekehrt, so rief er aus: »Is 's jetz' endlich dahin, dös G'sindel? Koan Respekt vor nix! Den anständigen Menschen d' Luft verpesten, 'n Platz versitzen und d' Ohren doret schrei'n, daß an andrer gar nimma aufkimmt! Und dös wollen gebildete Leut' sein? Pfui Teifel! Da san mir scho' andere, da herinn in die Berg'!«