Wilhelm Schussen:
Pilgrime
Abseits vom Heer der modernen Literaten und Poeten steht Wilhelm Schussen, ein eigenwilliger und eigenartiger Kopf, ein Verneiner aller Gesellschaftslügen und aller Scheinwerte unserer Kultur, ein rarer Vogel, der seine »philosophischen Kuckuckseier« in das enge Nest der Konvention legt. Vor seinem ehrlichen und rücksichtslosen Suchertum fallen die Kulissen unserer öffentlichen und persönlichen Zustände; Heuchler und Schelme zu entlarven ist ihm ein grimmiges Bedürfnis. Fern allem Zelotismus und Pharisäertum aber bricht er nicht selbstzufrieden den Stab über den armen Sündern – was er will und dichterisch gestaltet, ist die sittliche Läuterung des irrenden Menschen. Eine kraftvolle, reiche und ungesuchte Sprache spiegelt seine kantige und starke Persönlichkeit. Gleich dem Vinzenz Faulhaber seines Schelmenromanes stammt Schussen aus dem Schwäbischen; er ist am 11. August 1874 in Schussenried geboren. Sein bürgerlicher Name lautet Wilhelm Frick in Fürstenfeldbruck bei München.
L. Adelt.
Pilgrime.
Da sah ich kürzlich in einer Sammlung japanischer Beinschnitzereien unter den vielen kunstvoll gearbeiteten Gegenständen auch ein entzückend hübsches elfenbeinernes Figürchen, das den schlauen Meister Reineke als Pilger darstellte, wie er, eingehüllt in einen Mantel und die mit dem Pilgerstab versehenen Hände vor dem Leibe gekreuzt, barfüßig auf dem Wanderwege Halt macht und sich eben wieder einmal umsieht, ob keine Augen in der Nähe wachen.
Er wird, das merkt man seinen Mienen schon im voraus an, sich herzlich satt lachen, wenn er sich unbehelligt weiß, oder er wird, sofern etwa eine alte Frau oder eine junge, die sich an seiner Gottseligkeit erbauen wollen, vorbeikommen, das Haupt noch tiefer herunterfallen lassen und die Züge noch mehr verklären und mit schönen Lichtern begießen.
Und jetzt fallen einem ganz von selber alle die alten Geschichten wieder ein. Und man denkt wieder sofort daran, wie der Spitzbube sich gar einmal als Beichtvater vermummte und im Dämmer der Adventszeit einen Dom entheiligte und daselbst Männern und Frauen und Kindern und Nonnen und Kapuzinern die Beichte abnahm und eines jeden Gewissen erforschte und einem jeden seinen Zuspruch erteilte und von allen Sünden lossprach und eine gehörige Buße auferlegte. Es ist selbstverständlich, daß er so nebenzu auch an die eigene Seele dachte und die gute Gelegenheit nicht ohne Nutzen gebrauchen wollte. Befahl er doch einem bekannten Weinhändler, der immer den Wein verbesserte, weil ihm der Regen unseres Herrgotts nicht genügte, zur heilsamen Buße einen großen Korb Weintrauben bei Nacht und Nebel nach einem stundenweit entfernten Walde zu tragen und dort am Fuße der sogenannten Geistereiche niederzulegen. Auch forschte er einen reuigen Rentner, der ihm bekannte, er hätte bei einem Gansessen des Guten ein bißchen zu viel getan, so lange aus, bis er wußte, wieviel Gänse der Geflügelstall noch beherbergte und wann die Magd des Abends schlösse und des Morgens wieder öffnete. Es ist ja auch nichts Neues, daß er dann beim Bekenntnisse einer schon angejahrten Jungfer laut auflachte und die Füße unterm Rock vorstreckte und auf diese Weise entlarvt und vom Meßner fortgeprügelt wurde. –
Das sind die alten Geschichten, die, wie die hübsche Elfenbeinfigur bestätigt, auch den Japanern und wohl auch anderen Völkern nicht fremd bleiben konnten. Solche Streiche hat nun der Schreinermeister Lorenz Daisenrieder nie ausgeführt. Das leuchtet ohne weiteres in die Augen.
Aber Schloßverwalter des Schlosses zu Wittenberg hätte er doch einmal gar zu gerne werden mögen und wäre es beinahe auch geworden, wenn jene unglückselige Wallfahrt, die hier erzählt werden soll, nicht so übel geendet hätte. Übrigens war wieder einmal seine Frau Mechthilde an allem schuldig gewesen. Das war so die Regel. Und er hätte es eigentlich wissen können.
»Lorenz,« hatte sie abends im Bett zu ihm gesagt, »wenn ich du wäre, Lorenz, tät ich schon lieber meinen Kopf durch ein Schloßfenster hinausstrecken als durch ein Schiebefenster, wo du ihn übrigens nicht mal durchbringst, weil er zu dick ist.«