»Nach Inhaltung und Ordnung der Brottafel allhiesiger Stadt Graz wird das Gewicht eures Brotes, Frau Walburga Mennhartin, als ungenügend und zu gering befunden; denn es fehlen satzungsgemäße sieben Lot auf das Pfund; weshalb erstlich der Preis von vier Pfennigen auf die Hälfte herabzusetzen ist und Ihr, Frau Walburga Mennhartin, sodann der herkömmlichen Buße verfallen seid.«

Damit ging er und die Rebenbäckerin blieb bestürzt zurück. Ihr war der Markt verdorben und sie dachte, daß sie entgelten müsse, was Spruch und Forderung der Altmänner von ihr heischen würden. Da litt es sie nicht länger zu verweilen, sie verließ den Markt und ging in das Haus des Zunftmeisters, Adam Grasweins. Dieser hatte schon durch den Brotschreiber von dem Ereignis vernommen und mochte gerne ein strenges Antlitz zeigen, jedoch gelang ihm dies der jungen Rebenbäckerin gegenüber nicht gänzlich, als er sie bestürzt in die Stube treten sah. So sprach er denn freundlich:

»Ei, Frau Walburga, Ihr bringt mir böse Mär. Wahrlich, Ihr habt Euch nicht guter Dinge beflissen, als Ihr Euer Brot mit unechtem Gewichte zu Markte brachtet. Da müßt Ihr Buße leisten, wie es die Satzung heischt. Und ist es mir leid, weil es Euch betrifft, eine junge, ehrsame Witib, so vermag ich Euch doch nicht zu helfen. Setzt Euch hieher, liebe Frau!«

Und sie erwiderte: »Meister Graswein, ich habe bisher immer mein Gewerk in Ehren geführt und noch weiß ich nicht, welch böser Zufall dies zuwege gebracht hat, einen meiner Knechte also zu betören, daß er des rechten Maßes und Gewichtes vergessen hat. Nun sagt mir, was soll die Sühne sein?«

»Die Sühne, Frau Walburga! Ei, Ihr müßt ein Bad in der Mur nehmen, weil Ihr so hübsch seid.«

»Ach, Herr Vater, wollt Ihr grobe Wolle spinnen?«

»Mit nichten, Fraue. Mit Euch wäre nur klare Seide zu spinnen. Doch bin ich alt und nicht ledigen Standes; es kommt mir denn nicht mehr zu, um Euch zu freien, was ich wohl noch täte, wenn es anders wäre. Doch der Spruch, der die Sühne bestimmt, lautet: Welcher immer aus der Bäckerinnung Brot mit unrechtem Gewichte in die Bänke bringt, der soll gebüßt werden damit, daß sein Leib in das Wasser der Mur getaucht werde einmalig, ohne daß es ihm weiter zum Schaden gereiche. – Das ist altes Recht, und niemand wird vermögen, Euch davon zu lösen. Nun, werdet nicht herb, liebe Fraue! Ihr wählt Euch einen Stellvertreter, einen Mann, der die Sühne auf sich nimmt, einen Eurer Knechte, der mit seinem Leibe für Euch einsteht. Dann ist es wohl Zeit, daß Ihr ihm den Dienst lohnet, wer es immer sei. Denn er hat auf sich genommen, was nur Euer eigener Hauswirt, wenn er noch lebte, um Recht erduldet hätte. Ist Euch ein solcher Geselle ansonst mit guten Sitten zu Gesichte gestanden und ist er für die Meisterschaft reif, so mögt Ihr ihm wohl Holdes gönnen und mit ihm in gegebener Zeit zur Kirche gehen. Denn seht, die Altmänner rügen es schon lange, daß noch immer um Euretwillen ein Sitz an der Zunftlade leer steht, weil Ihr bis nun Euch kein neues Ehehaupt gewählt habt und keinen Mann, der Euch Meister sei, mit dem Ihr auch Euer Leben in Ehren sänftlich vertreiben könntet. Und so Ihr jemandem Gunst erweisen wolltet, lieblich als es Frauenart ist, das würde Euch von jedem guten Manne freudiglich gedankt werden. Habt Ihr doch zwei Gesellen aus ehrsamen Bürgerhäusern in Eurem Gewerke, die auch Vaterserbe zu erwarten haben: der eine aus Leibnitz, der andere aus Eibiswald; wer von diesen beiden die Sühne auf sich nimmt, der hat Eure Sache vertreten, und sein Haupt hat für Euren Leib gegolten. Darum, liebe Tochter, tu' dich deiner Sorgen ab und gib der Satzung und der Ehe ihren Lauf.«

Also tröstete sie Meister Graswein, und sie schied von ihm sinnend und ging in ihr Haus.

Dort kam ihr Jost mit der Miene eines armen Sünders entgegen. Als sie seiner ansichtig wurde, sprach sie zornig:

»Was hast du mir angetan, böser Knecht? Ei, fürwahr, du hast gestern zuviel des süßen Weines getrunken, und da ist dir ein solcher Rauch und Nebel davon erwachsen, daß du Maß und Gewicht nicht mehr unterscheiden konntest.«