Sie öffnete rasch eine Spinde und gab ihm ein Kleid, das einst Herr Mennhart getragen hatte, und gebot ihm, sich darein zu hüllen, daß er sich erwärme, während sie sich abwandte.
Heinrich tat nach ihrem Geheiße, und dann kehrte sie ihm ihr ängstliches und doch lachendes Antlitz zu und sprach: »Ach, wie hab' ich mich um dich gesorgt! Wie warst du so verwegen, dem Strom zu trauen! Doch es hat dir nicht geschadet, du lebst und bist da. Wie war ich bekümmert! Ich hätte in meinem ganzen Leben keine frohe Stunde mehr gehabt, wenn dir etwas zugestoßen wäre! Du Armer, hast mein Gebot erfüllt und nur ich wäre schuld an deinem Untergange gewesen! Aber nun ist's gut, und ich will es Gott und allen Heiligen herzinniglich danken, daß dir kein Unheil widerfahren ist. Wie hast du es nur angestellt, böser Knecht, mich so zu verwirren und auch alle Leute, die nichts mehr von dir sahen, als du ins Wasser geschnellt wurdest. Man erzählte mir's.«
»Hätte ich mich sollen dem Spott des Volkes aussetzen und nach Hause rennen? dann wäre ich zeitlebens in törichter Weise umhergegangen. Nein, ich schwamm unter dem Wasser, solange ich es vermochte, und als ich wieder auftauchte, war ich auf einer dämmerigen Stelle des Stromes angelangt, wo man mich nicht sehen konnte. Dann hab' ich mich nach links in den Stadtgraben hinein gewendet; denn ich habe gewußt, daß dort am südlichen Wehrturm ein Wasserpförtchen ist, welches in Friedenszeiten immer offen steht und durch das man leichtlich hereingelangen kann. Dort hab' ich mich nahe der Mauer so lange im Schilfe geborgen, bis die Nacht gekommen ist, daß mich niemand sehen konnte, und dann schlich ich mich behutsam hindurch und bin hierher gekommen, wie Ihr seht, Meisterin.«
»So verwegen warst du, Heinrich! Und das kalte Gebirgswasser! Wie leicht hättest du dich für dein Leben verkälten können! Und deine Hände sind noch starr und kalt; ich will sie dir mit meinen eigenen wärmen. Nein, laß nur! Du hast es um mich verdient. Doch warte, so wird es besser sein.«
Sie nahm ein lindes Tuch und rieb ihm die Pulse an beiden Handgelenken eifrig; dann trocknete sie ihm die noch immer feuchten Haare an den Schläfen und richtete bald Worte des Bedauerns, bald des Vorwurfes an ihn, so daß es Heinrich warm wurde.
»Meisterin, wie sorgt Ihr so traulich um mich!« sprach er. »Mir ist unter Euren linden Händen wärmer denn je geworden, und weil ich Euch so nahe in die Augen sehe, vermeine ich schier, der lichte Mai sei gekommen, der alle Herzen zur Freude bewegt. Ihr seid mir so nahe, daß ich Euch umfassen kann, und da ist mir's, als blühte die Stube um mich her.«
»Nein, laß mich, Heinrich. Und sieh, hier am Arme bist du verwundet, du hast dich verletzt!«
»Geritzt. Das bedeutet nichts.«
»Wie du das weißt! Nein, ich habe ganz nahe eine Heilsalbe im Almer, damit will ich deines Armes pflegen.«
Sie öffnete die Tür des Kastens und nahm, wie sie meinte, das Töpfchen mit der gewünschten Salbe heraus; aber in aller Eile versah sie sich, und es war ein anderes Gefäß, was sie in der Hand hielt. Und da geschah es, daß ihr dasselbe zu Boden fiel und alsbald in Scherben zerbrach. Ein wundersamer Duft erfüllte plötzlich die Stube.