„Liebe, gute Mutter, warum hast du mich allein gelassen, ganz allein auf der Welt?“
„Allein!?“ Ihr war, als hörte sie stark und deutlich dies Wort von Olgas Stimme. Und sie sah die ernsten Augen forschend und beinah drohend auf sich gerichtet.
Eine heiße Welle flutete über ihr Herz. Sie krampfte die verschlungenen Hände ineinander und lächelte, während ihr die Tränen in die Augen traten.
„Nein, ich bin nicht allein,“ dachte sie mit einem so andächtigen Gefühl, als spräche sie ein Gebet, „ich habe dich, Liebes, Schönes, Großes. Dich kann mir das alte böse Weib nicht nehmen, dich nicht! Und wenn sie mich foltern und mich in Stücke reißen – mir kann nichts geschehen – ich hab’ ja dich!“
Eine große Ruhe und Zuversicht kam über sie. Ihr war, als hätte sie einen schlimmen und gefährlichen Weg vor sich. Sie mußte über Moorboden gehen und durch Schmutz und Schlamm waten und reißende Wasser durchschwimmen – aber drüben stand Olga Radó und streckte beide Hände nach ihr und sagte: „Komm!“
Und da wurde der Weg leicht und beinah lockend.
Als jetzt die Tür ging und Vater erschien und zaghaft sagte:
„Mette, komm bitte einmal her!“ hatte sie fast ein Gefühl von Freude. So wie einer, der gut gelernt hat, sich aufs Examen freut oder ein Mutiger sich auf den Kampf.
Sie ging sehr gerade und fest durch das Zimmer und lächelte ein überlegenes und fast höhnisches Lächeln.
Bei ihrem Eintritt erhob sich aus Vaters Studierstuhl ein schmächtiger Mann mit scharfen Zügen und durchdringenden Augen, in dessen wohlgepflegtem schwarzen Spitzbart sich einige frühe weiße Fäden zeigten.