Eines Nachts gab das Fräulein Metten die Schlüssel zum Silberschrank und einem flachen, lederbezogenen Kasten. Mette sollte den Kasten in den Schrank zurücktragen. Das Fräulein hatte ihn sich heimlich ausgeliehen, weil ihr Bräutigam das Silber gern einmal sehen wollte.
Mette wollte auch gern einmal sehen. Sie drängelte so lange, bis das Fräulein den Kasten öffnete. Da lagen die dicken, blanken Löffel in Reih und Glied, jeder auf seinem Einschnitt im dunkelblauen Samt. Keiner fehlte.
Es machte Metten ein unbändiges Vergnügen, unhörbar wie auf Katzenpfötchen durch den langen Korridor zu schleichen, sich im Speisezimmer zurechtzutasten, ohne Licht anzumachen, behutsam den Schrank aufzuschließen, ohne daß die Schlüssel klirrten oder die Tür knarrte, den Kasten an seinen Platz zu stellen, abzusperren – und dann mit mühsam unterdrücktem Jubel in Fräuleins Arm zu fliegen und sich beloben zu lassen.
Dieses erste Mal war nur eine Einleitung.
Mette lernte mit staunender Bewunderung die schätzenswerte Einrichtung eines Leihamtes kennen. Es war eine ganz fabelhafte Angelegenheit, daß man Silber oder Schmuckstücke nur zu verleihen brauchte, um eine Menge Geld dafür zu bekommen. Nach einiger Zeit bekam man seine Sachen unversehrt zurück. Ja, sie wurden nicht einmal benutzt in der Zeit, wie Fräulein auf Mettens Fragen lachend versicherte. Es war eine schöne, aber merkwürdige Einrichtung.
Immerhin! Es gab so viele merkwürdige Einrichtungen. Zum Beispiel: daß man Geld auf eine Bank legte – daß es nicht irgendeine beliebige Gartenbank sein durfte, das hatte Mette unterdessen schon gelernt – daß man dann immerfort Geld geschickt bekam, von dem man leben konnte, und das Geld auf dieser seltsamen Bank doch niemals weniger wurde – das war auch so eine merkwürdige Tatsache. So ähnlich würde es sich wohl mit dem Leihamt auch verhalten. Es lohnte nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Man begriff es doch nicht.
Also wanderte das Silberzeug aufs Leihamt. Und bei Gelegenheit wanderte es wieder zurück in den Schrank.
Es war so lustig, abends im Bett zu liegen und zu schwatzen und Konfekt zu knabbern. Aber das Konfekt kostete so rasend viel Geld. Darum wurde von Zeit zu Zeit das Silber „verliehen“. Es schadete ihm ja nichts. Und die Heimlichkeit, mit der es geholt und wieder zurückgebracht werden mußte, machte einen Heidenspaß.
Aber einmal war der große Kasten fort und kam und kam nicht wieder. So ewig lange war er schon fort, es dachte kaum mehr ein Mensch an ihn.
Da verfiel Tante Emilie eines Tages beim Reinmachen auf die Idee, das ganze Silber nachsehen und putzen zu lassen. Tante Emilie wußte ganz genau, wieviel Silber im Haushalt vorhanden war. Sie wußte sogar, von welcher Großmutter oder Schwiegermutter oder Tante jedes einzelne Stück stammte. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um sich in so wichtigen Dingen auf ihr Gedächtnis zu verlassen.