Von dem Tage an ließ sich Franz Rudloff die schmerzliche Überzeugung nicht nehmen, daß sein armes Kind geistig zurückgeblieben sei. Damit zerbrach das letzte Brett, das zu einer Brücke zwischen ihnen hätte werden können. Er hörte nicht auf, seine Tochter mit Zartheit und Höflichkeit zu behandeln. Im Gegenteil. Aber sie war ihm so fremd, daß sie ihm mitunter beinah unheimlich erschien.
Obgleich Tante Emilie Metten gern alle nur mögliche Trägheit und Unbegabung zugetraut hätte, wußte sie doch, daß sie nicht die Alleinschuldige sein konnte. Das Fräulein mußte verschiedentlich recht scharfe Bemerkungen hören, die sie veranlaßten, einige Tränen zu vergießen und Metten bitterliche Vorwürfe zu machen.
„Ich gehe,“ das war der ständige Schluß ihrer Rede. Und das war das, was Metten jedesmal mit tödlichem Schrecken erfüllte. Sie fühlte zu gut, daß die Drohung Wahrheit werden konnte, Wahrheit werden mußte, wenn Tante Emilie bei einer nächsten Prüfung wieder auf so „krasse Unwissenheit“ stieß.
Also fing Mette mit zähem und verbissenem Eifer an zu lernen. Das Fräulein half ihr nicht oft dabei, sie störte sie höchstens.
Aber sie streichelte ihr manchmal das Haar, oder preßte sie an sich, oder küßte sie fast leidenschaftlich auf den Mund.
Und um sich diese flüchtigen Liebkosungen zu erhalten, mußte Mette lernen.
Sie war zu begabt, als daß sie nicht bald am Lernen und Lesen selbst Freude gehabt hätte. Aber das wußte sie nicht. Sie bildete sich ein, daß sie nur um des geliebten Fräuleins willen mit so fanatischer Inbrunst über den Büchern saß.
Sie fing an zu lügen. Etwas, was sie in dieser Weise auch in späteren Jahren mit wahrer Leidenschaft tat. Wenn die Rede – dem Vater, der Tante oder Gästen gegenüber – einmal auf irgend etwas kam, was Mette in ihren Büchern gefunden hatte – in Büchern, in die das Fräulein niemals ihr hübsches Näschen steckte – und Mette ein wenig erstaunt gefragt wurde: „Wo hast du denn die Weisheit her?“ dann war sie sehr stolz darauf, zu antworten: „Von Fräulein!“
Und Fräulein widersprach nie. Mette glaubte, jedesmal zu sehen, daß sie rot wurde. Und sie liebte sie doppelt, weil sie ihr leid tat. Aber es war ein Irrtum. Sie wurde nicht rot. Sie hörte meistens gar nicht danach hin. Sie hatte so viel andere Gedanken im Kopf ...
Und dann kam die merkwürdige Angelegenheit mit dem Silberzeug.