Manchmal, wenn das Fräulein in der Laune war, ihren Liebsten zu beschimpfen, dann warf das Kind sich vor ihr auf die Knie und beschwor sie, von diesem schrecklichen Manne zu lassen. Dann wurde unter Tränen und Eiden alles versprochen.
„... ja, mein Süßes, ja, mein Engel, er betritt mir die Schwelle nicht mehr, der verfluchte Hund, ich habe ja dich, mein Süßes, mein Trost, ich will nur noch für dich leben!“
Das waren für Mette Momente qualvoller Seligkeit.
Aber es waren immer nur Momente; denn wenn das Telephon klingelte, oder wenn ein Brief kam, oder wenn man dem Herrn „zufällig“ im Tiergarten begegnete, dann war alles wieder vergessen.
Mette begriff, daß da etwas war, wogegen sie nicht ankonnte.
Sie begriff dunkel, daß sie nicht das Recht hatte, einen Menschen ganz für sich zu verlangen, weil sie noch ein Kind war. Und sie wünschte sich glühend, schnell, schnell erwachsen zu sein, um das, was sie liebte, ganz und ungeteilt zu besitzen.
Es kam noch eins dazu, das Leben zu erschweren. Das Fräulein hatte nicht viel Zeit und Lust, mit Mette zu arbeiten. Es war so unendlich viel anderes zu tun. Das Fräulein mußte Briefe schreiben, oder spannende Bücher lesen – oder Handarbeiten machen. Das Fräulein machte gern Handarbeiten und hatte flinke und geschickte Hände. Sie nähte sich allerliebste Blusen und stickte sich zierliche Hemdpassen – oder sie häkelte Schlipse und stopfte seidene Herrensocken. Von alledem hatte Mette weiter keinen Nutzen.
Sie war nicht böse, daß sie mit dem langweiligen Lernen ziemlich verschont blieb. Aber Tante Emilie kam bald dahinter. Es war ein so ernster Fall, daß der Vater zugezogen wurde. In solchen Dingen, und nur in solchen Dingen konnte man mit Franz Rudloffs Anteilnahme rechnen. Er stellte eine eingehende Prüfung mit seiner Tochter an. Das Ergebnis war derart, daß er allen Ernstes erschrak.
Er rechnete nach, daß er im selben Alter ein fehlerfreies Dicté geschrieben, verba irregularia auswendig gelernt und Schillers Don Carlos mit Begeisterung verschlungen hatte.
Mette las lateinische Druckschrift mühsam und stockend.