„Du brauchst dich nicht aufregen, Tante. Das Silber ist da. Ich hab’ es nur verliehen!“ –
Aus dem, was sich in den nächsten Tagen ereignete, wurde Metten allmählich klar, daß sie etwas getan hatte, wozu sie nach Ansicht der anderen nicht berechtigt war.
Das Hausmädchen erzählte jedem, der es hören wollte, daß in diesem Hause ehrliche Leute verdächtigt würden, weil das „Quack“ das Silber „klaue“ und zum Juden trage.
Die alte dicke Köchin weinte und schlug jammernd die Hände zusammen.
Die Tante ging umher, als hätte das Entsetzen sie versteinert. Dem Vater traten die Tränen in die Augen, wenn er sein unseliges Kind ansah. Sogar ein Kinderarzt erschien auf der Bildfläche, der den grauenerregenden und unheimlichen Titel „Psychiater“ führte und ein langes Examen mit ihr anstellte.
Und das Fräulein tobte und weinte und schrie und schimpfte sie „idiotisch“ und „blödsinnig“ und stieß und kratzte sie und fiel dann wieder vor ihr auf die Knie und nannte sie „kleine Heilige“ und flehte sie an, zu schweigen.
Und Mette schwieg. Da sie aber nicht wußte, was sie verschweigen sollte, so schwieg sie auf alles. Sie ließ sich fragen, in Ruhe, im Zorn, in stundenlangem Verhör, sie ließ sich rütteln, sie ließ sich anflehen, sie ließ sich einsperren – und schwieg. Das Schweigen wuchs wie eine Mauer um sie herum. Sie hätte nun nicht mehr hindurch gekonnt, auch wenn sie gewollt hätte.
Dennoch mußte das Fräulein aus dem Hause. Ob sie nun beteiligt war oder gänzlich ahnungslos – es war klar, daß ein Kind nicht so verwahrlosen konnte, wenn die Erziehung in den richtigen Händen lag.
Das Fräulein ging. Und Mette litt alle Todesqualen der Trennung und Einsamkeit.
Ich möchte über Friedel Eggebrecht kein Urteil sprechen. Wenn ich die Geschichte ihres Lebens schreiben sollte, würde ich versuchen, alles zu verstehen, was sie getan hat. Sie liebte – und immer ist Liebe gut und schön und edel. So liebte sie, daß sie fähig war, um ihrer Liebe willen ihre Pflichten zu vergessen und zu lügen, zu stehlen, zu betrügen. Wer von uns kann sich rühmen, dessen fähig zu sein?