Der freundliche alte Herr ging und suchte und kam wieder und fragte, ob die Dame eigene Wohnung hätte.
Nein – Leute, die in Pensionen wohnten, führten sie nicht.
Da ging Mette den letzten und schwersten Gang. Sie ging zu Möbiussens.
Die Mädchen grinsten ihr frech ins Gesicht, als sie nach Olga Radó fragte.
Nein, sie wüßten nichts von ihr. Sie hatte sich natürlich nicht mehr sehen lassen, Vater hätte sie ja auch wohl höflichst an die Luft gesetzt. Sie hatten auch plötzlich keine Erinnerung mehr an eine Verwandtschaft. Sie wußten den Namen des Preßburger Onkels nicht mehr oder des Budapester Schwagers. Aber sie wollten gern wissen. Glühend vor Neugier und Lüsternheit fingen sie an, Fragen zu stellen, ob es denn wahr wäre, daß ...
Mette wurde rot und blaß und heiß und kalt. Sie hätte einen Mord begehen können, wenn sie nicht viel zu müde dazu gewesen wäre. Sie sagte: „Ich weiß nicht!“ Auf alle Fragen immer nur: „Ich weiß nicht.“
Vielleicht hätte sie sich entrüsten sollen und Olga Radó verteidigen. Vielleicht hätte sie sie verlästern sollen und geheimnisvolle Andeutungen machen. Vielleicht hätte sie lachen sollen und die Mädchen an der Nase herumführen. Sie hielt sich mit beiden Händen am Stuhl fest und sagte: „Ich weiß nicht!“
Als sie das Haus verließ, wußte sie, daß sie es nie wieder betreten würde. Ein sinnloses Wort ging ihr wie im Fieber immer wieder durch den Kopf: In der Leute Mäuler sein ...
Sie hatte sich noch nie etwas dabei gedacht. Nun war ihr ganz körperlich so zumute, als hätte man sie durchgekaut und aufs Pflaster gespien. Der Ekel schüttelte sie. – – –
Von Zeit zu Zeit – in immer kürzeren Zwischenräumen – trat an die Oberfläche ihrer Empfindungen ein dumpfer, peinigender Haß gegen Olga Radó. Alles, was sie jetzt litt, hatte diese Frau verschuldet. Leichtsinnig und kaltherzig und ganz gewissenlos verschuldet.